Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 3 (März 1905)
- Article
- Die Lebensanschauung des Idealismus
- Date
- 1905-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 B. Wolff: Die Lebensanschauung des Idealismus. 148 den Urquellen des Judentums fliessend, den Inhalt seiner Lehre mächtig durchflutet und ihr erst die eigentliche Schwungkraft und die Tendenz verleiht. Doch wollen wir uns vorläufig bescheiden und nur einige von den leitenden Grundideen Cohens hier zur Darstellung bringen, insofern sie die Hauptprobleme des Lebens betreffen. Nur ein Faden soll aus dem reichen Gewebe gezogen und seine Verschlingungen eine Strecke lang verfolgt werden. Der Gegenstand der Ethik ist der Mensch. Doch, was ist der Mensch? Es gilt nun, den Begriff des Menschen zu präzisieren. Ist es der Mensch der physiologischen Psychologie, der einzelne Mensch der sinnlichen Erscheinung, der isolierte Mensch des naturhaften Daseins? Oder ist es das grosse überragende Individuum — der Heros der Mythologie, der Weise, wie ihn die Stoa als Ideal aufstellte, der „Gottmensch" des Christentums, oder der ersehnte Uebermensch der Nietzscheschen Neuromantik? Nein, antwortet Cohen. Der Begriff des Menschen, auf den eine Ethik basiert werd en soll, muss logisch entwickelt werden. Und wie jeder echte Begriff, setzt er die Allheit voraus . . . ,, Ohne mit der Allheit anzufangen, lässt sich derBegriff des Menschen nicht nur nicht vollenden, schlechterdings nicht entwickeln und nicht bilden." Zu einer klaren logischen Bestimmung des Einzelnen gelangt man nur durch das Begreifen der ursprünglichen, höheren Identität der Allheit, welche die unbestimmten Einzelnen als das sie durchdringende Gesetz' beherrscht und verbindet. So erscheint der Allheit gegenüber auch die Mehrheit nur als ein Einzelnes. Der Begriff als Allheit stellt also das Gesetz dar, aus dem heraus der Einzelne logisch erzeugt, sozusagen ideell geboren wird. Der Begriff ist hier also die Idee im Sinne Piatons. Die Vorstellung des sittlichen Individuums, des Menschen als Gegenstandes der Ethik, kann also nur gewonnen werden aus dem Begriff der menschlichen Allheit, dem Begriff der Menschheit. Nicht einmal der Begriff der Mehrheit, also z. B, des Volks, der Rasse, reicht hier aus. Erscheint doch selbst die Mehrheit nur als Einzelnes der Allheit gegenüber. Nur durch seinen Anteil an der Idee der Menschheit wird also der Einzelmensch zum Träger der Sittlichkeit. Dadurch wird die Einheit in der Allheit begründet. Wenn Fichte lehrte, aus dem Nichtich stamme das Ich, das heisst, das Selbstbewusstsein stamme aus dem Gegensatz zwischen Mensch und Ding, zwischen Subjekt und Objekt her — so lehrt Cohen, das Nichtich, aus dem das Selbstbewusstsein, das Ich herstamme, sei der Andere, der Nächste, der Nebenmensch. Das Bewusstsein des Anderen ist der Quell und Ursprung unseres Selbstbewusstseins. Kein Ich ohne Bezugnahme auf den Andern. ,,Nichtich darf ausschliesslich nur gebraucht werden als Ursprungsbegriff des Ich. Keineswegs als Korrelat zu Ding und Sache, denn diese gehören einer anderen Welt an, als das Ich und die Person." Das Selbstbewusstsein ist in erster Linie bedingt durch das Bewusstsein des Andern. Diese Vereinigung des Andern mit dem Einen erzeugt erst das Selbstbewusstsein als des reinen Willens . . . ." „Das Selbstbewusstsein des rechtlichen Wollens und der Rechtshandlung darf nicht auf den Einzigen beschränkt bleiben. Das Selbstbewusstsein bedeutet die korrelative Vereinigung des Einen und des Andern." Ist es nun nicht merkwürdig, dass es bei Piaton an der Idee des Menschen fehlt? Ihm war die Einheit des Menschen kein Problem, weil er die Vielheit voraussetzte, und diese Vielheit in der Form der Dreiheit der Stände zur Grundlage seiner Zukunftsmenschheit machte. Wer war es aber, der auch in dieser Beziehung die Konsequenz der Platonischen Ideenlehre zog und den einheitlichen Menschen als Idee formulierte? Das war kein anderer als der Jude Philo. „Bei ihm ist die Einheit des Menschen ... zu einem fundamentalen Problem gebracht. Die Einheit des Menschen bedeutet ihm die Einheit des Menschengeschlechtes. Was Moses lehrt, das lehrt für ihn auch Plato. Die Einheit des Menschengeschlechts ist der messia-