Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Süsskind von Trimberg, ein jüdischer Minnesänger
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 99 - 100 (sequence 3)
- Language
- German
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99 Talmudische Spruchweisheit 100 wir in Urkunden der Stadt Würzburg, nach denen er um Idas Jahr 1225 in der Nähe des katholischen St. Ägidien-Hospitals durch Bewilligung des großzügig und vornehm gesinnten Domprobstes Otto •ein eigenes Grundstück erwarb; eine seltene und hohe Gunst, die damals kaum je einem Juden zu teil ward, da diesen der Bodenbesitz gesetzlich verboten war. .Wie bis in unsere Zeit hinein Fürsten und Große, so "Übles sie sonst den Juden ansinnen, ,doch in verzweifelten Krankheitsfällen, wo das Können ihrer eigenen Leibärzte versagt, schließlich zu bedeutenden jüdischen Medizinern ihre Zuflucht nehmen, so durfte auch hier Süßkind seine vielleicht nicht geringe ärztliche Kunst den Kranken des Ägidien-Spitals widmen. So sehen wir ihn auf einer Abbildung der Manesseschen Liederhandschrift in reicher Judentracht wenn auch mit dem ihm selbst so peinlichen gelben Spitzhut, dem schimpflichen Abzeichen der Juden, vor seinem mit Krummstab und Mütze geschmückten geistlichen Herrn stehen, der ihm gnädig zulächelt. Die Anerkennung, die das Adelsschloß ihm einst versagte, scheint der Klerus ihm endlich gewährt zu haben; wie ja überhaupt die gelehrte katholische Geistlichkeit, die die Heilige Schrift in der hebräischen Ursprache zu lesen verstand, noch am ersten von allen Landesgenossen in den Juden nicht nur, wie die übrigen Stände, den verächtlichen und zu unterdrückenden Eindringling, sondern — das Volk der Bibel sah. Wer aber in unseren Tagen um des Lebensunterhalts willen vom Dichter zum Arzt werden wollte, der würde vielleicht in dem einen Beruf heute die gleiche Gelegenheit zum Verhungern finden, wie in dem andern. Daßj wo so viele Lieder aus jener Zeit der Vergessenheit anheimgefallen sind, uns gerade Süßkinds Dichtungen zum großen Teile erhalten blieben, ist vielleicht nach seinem eigenen Wort Beweis dafür: „Daß die Spreu verfliegt, die goldenen Körner bleiben!" Denen aber, die noch immer deutsche Juden als „Fremdlinge" betrachten wollen, mögen sie beweisen, in wie frühen Jahrhunderten Juden schon am deutschen Geistesleben und Geistesschaffen lebendigen Anteil genommen haben. TALMUDISCHE SPRUCHWEISHEIT. Übersetzt von Max Weinberg Zu Anfang, als die Welt entstand, Sich nicht gleich alles harmonisch verband, Es hatte vielmehr ganz den Schein, Als stürze sie bald wieder ein; Gott fügte noch ein die Buße, Da stand sie auf festem Fuße. „Sag', Freund, wie hast du's angefangen, Zu so viel Weisheit zu gelangen? —" „Weil nächtens ich auf Öl verwandt, Das ich beim Studium verbrannt, Was du für das hast ausgegeben, Was dir verschafft dein Schlemmerleben/ ■Wenn einer zu dir spricht: „Glaub' mir, ich tauge nicht" So glaub's ihm nicht: Niemand dünkt sich ein Bösewicht. * * Als Lüge in den Himmel wollt', Sprach Gott sein strengstes Nein! Mit dir zusammen kann ich nicht In einem Hause sein. * * * Wie das Licht in deinen Händen Nächtlich Dunkel dir erhellt, So das Leid in deinem Leben Deinen Weg zur künft'gen Welt. Hat deine Ansicht Lenzesmorgenhelle, So öffne weit ihr die Gedankenzelle, Doch fehlt's ihr noch1 an dieser Klarheit, Gib sie nicht aus für volle Wahrheit. Ein Gläslein Wein hebt Frauen Mut, Ein zweites drauf tut nicht mehr gut, Wer dieser Warnung nicht geglaubt, Der hat oft das dritte die Würde geraubt. Mehr als ein König hat ein Weiser wert, Ist der Brotkorb leer, Ist auch die Weisheit weniger begehrt; Uns grad' Hunger quält, Für Herrscher gibt es bald Ersatz, Ist er angefüllt, Doch lang verwaist ist oft des Weisen Platz. Uns grad' Hunger fehlt.