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Ost und West · 1923-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1923) · p. Seite 97 - 98

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1923)
Article
Süsskind von Trimberg, ein jüdischer Minnesänger
Date
1923-03-01
Page
Seite 97 - 98 (sequence 2)
Language
German
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97 Süsskind von Trimberg, ein jüdischer Minnesänger 98 maligen bürgerlichen Stellung der Juden eine erstaunliche Toleranz, 'die sich viele Fürsten unserer jüngsten Vergangenheit wohl hätten zum Muster nehmen können. Unser Sänger scheint in sehr Idürftigen Verhältnissen gelebt zu haben, denn in einer seiner Dichtungen personifiziert er sich als „Biegenot von Darbian", dessen Kinder oft Mangel Heiden, weil ihre Schnabelweide sie selten sättigt, und weil „Herr Dünnehabe" ständiger Gast in seinem Hause sei. Er scheint also verheiratet gewesen zu sein, was ja die Minnesänger niemals abgehalten hat, an den Minnehöfen um die Gunst der Edeldamen zu werben. Seine Gesänge müssen bei seinem ritterlichen Beschützer, vielleicht auch bei dessen Damen im Anfang viel Erfolg gehabt haben, denn seine; fränkischen Sangesbrüder Biterolf, Bodenlaube und andere, die ihm erst freundlich gewesen, werden ihm plötzlich feindlich und neidisch, verleumden und treiben allerlei Ränke gegen ihn, daß er in tiefster Seele entmutigt an seinem bisherigen) Lebensziel verzagend, zu klagen beginnt: „Was soll dies töricht wandern mit Sang und Saitenspiel?/ Von einer Burg zur andern; was ist mein Lohn, mein Ziel?" Besonders in seinen frühen Dichtungen erinnert nichts an die jüdische Abstammung des Verfassers, der die dichterische Ausdrucksweise seiner Zeit meisterlich beherrscht. Dieser mittelhochdeutsche Dialekt des 13. bis 15. Jahrhunderts ist es ja auch, den die deutschen Juden nach ihrer Vertreibung in alle .Welt hin mitgenommen und in seltsamer Hinneigung zur deutschen Sprache bis in unsere Tage, auch im fernsten Osten, mit Hebräisch vermischt, als ihren Jargon zärtlich gehegt haben. Und unsere heutigen Zionisten dürfte es interessieren, daß im 15. Jahrhundert Arnold v. Karf die Kreuzfahrer warnte, vor den Juden in Palästina ihre Worte in acht zu nehmen, da sie alle deutsch verstünden. Erst in reiferen Jahren klingt in Süßkinds Dichtungen sein Judentum an, so durch die Wahl des Stoffes aus dem Alten Testament, wie in dem einem Spruch Salomonis nachgedichteten: „Ihres Mannes Krone ist das viel reine Weib, ihr Licht verlöschet nicht in der Nacht!" oder durch das dem Juden der Diaspora eignende Grüblerische: in dem Liede: „Wenn ich gedenke, was ich war, / als was ich werden muß> so ist all mein' Freude dahin; / und ist das nicht ein Jammer und erbärmlich Not,/ daß ich von Tag zu Tage muß fürchten den Tod?/Allmächtiger höre, du bist aller Gnaden voll, / verhilf mir, daß meine Seele/ dort vor dir Gnaden finden soll!" Zeichen seiner jüdischen Abstammung ist wohl auch das bei ihm für damals überraschend auftauchende soziale Moment, das den übrigen Sängern jener Tage noch völlig fern liegt, wenn er singt: „Wer adlig tut, den will ich ha'n für edel / wer auch nicht von hohem Namen, sich doch Untugend tut schämen, den heiß ich edel wohl —" Ist doch das soziale Empfinden seit biblischen Zeiten bei dem Volke des Gottesstaates selbstverständlich; des einzigen Gottes, der alle seine Geschöpfe mit gleicher Liebe erschaffen hat und vor dem alle gleich klein, aber auch gleich groß und, von seinem Geiste erfüllt erscheinen, im Gegensatze zu Griechen, Römern, Germanen, deren Götterlehre solche höherer und niederer Art, Halbgötter und Götterboten kannte, also die ganze soziale .Rangstufenleiter auch an das Himmelsgewölbe anlegte.. „Stroh sind die Armen, / doch die Reichen / sind vollen Ähren zu vergleichen / sagt selbst, wo kam' das Korn wohl her,/wenn unter ihm der Halm nicht war'." , Hätt' niemand gegen Armut Pflicht, Der Reichen Reichtum war zunicht'. Wer sollte dienen, wären nicht die Armen? Drum wolle, Reicher, ihrer dich erbarmen. Wer kann denn Herden ohne Hege weiden? Auch Esel nützen oft zum Reiten; Zum' Säckebinden dient der Bast — Die Stunde kommt, wo du ihn nötig hast. Soll dir der Arme dann den Dienst versagen, Um deine Habgier anzuklagen? Drob sei ihm, Reicher, nicht zu scharf, Es kommt die Stunde, wo man sein bedarf! Mit der Zeit scheint unserem Sänger aber doch sein Judentum zu allzu bitterer Kränkung in seiner Kunst geworden zu sein: „Sie wissen, daß der Sänger, verhaßten Glaubens Sohn, /Sie reichen ihm nicht länger den kargen Minnelohn. / Verstummet denn ihr Lieder vor jedem Edelzell, / Ich will als Jude wieder mich bringen durch die Welt./Den igelben Hut erfassen und will nach Judenart/ Mir wieder wachsen lassen den langen, grauen Bart. / So will ich still verbringen den Rest, der mir beschert / Und Denen nicht mehr singen, die meiner Kunst nicht wert." Und so leicht ihm die Lieder von der Lippe fließen, leidvoll scheint er schon in der Mitte seines1 Lebens seinem begnadeten Beruf entsagt und sich einem anderen zugewandt zu' haben, dem einzigen, der dem höher begabten Juden jener Zeit offen stanid, und in dem Juden in allen Ländern und] Zeiten Hervorragendes geleistet haben: er wird Arzt! Die letzten Spuren seines Geschicks finden

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