Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1923)
- Article
- Professor David Simonsen
- Date
- 1923-03-01
- Page
- Seite 93 - 94 (sequence 1)
- Language
- German
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93 Professor David Simonsen 94 PROFESSOR DAVID SIMONSEN 17. März 1853—17. März 1923, von Julius Guttmann David Simonsen, der am 17. März dieses Jahres sein siebzigstes Lebensjahr vollendet hat, gehört zu den markantesten und bedeutendsten Persönlichkeiten des gegenwärtigen Judentums. Die jüdische Gelehrten? weit verehrt in ihm einen der hervorragendsten Vers treter der Wissenschaft des Judentums, die jüdische Gesamtheit den aufrechten Juden und den großen Philanthropen, der in allen Werken jüdischer Liebes? tätigkeit an erster Stelle steht. Er steht im Mittelpunkt jüdischer Wissenschaft und jüdischen Lebens, trotzdem er sein ganzes Leben — bis auf seine Studienzeit am jüdisch*theologischen Seminar zu Breslau — in seiner Heimatstadt Kopen* hagen verbracht hat, die abseits von den großen jüdischen Zentren liegt. In ihr hat er erst als zweiter Rabbiner, dann als Oberrabbiner hingebend und er* folgreich gewirkt und ist ihr, trotz wiederholter Versuche, ihn als Dozenten für eine der theologischen Lehranstalten zu gewinnen, auch dann treu geblieben, als er im Jahre 1903 das rabbinische Amt verließ, um sich frei von jeder äußeren Verpflichtung ganz seinen Studien und seiner sozialen Tätigkeit widmen zu können. Auch als Privatmann ist er der Führer der Kopenhagener Gemeinde geblieben, die sich seiner geistigen und moralischen Autorität dankbar erfreut. Mit bewunderungswürdiger Energie aber hat er es verstanden, von hier aus alle Erscheinungen jüdischen Lebens zu verfolgen, und wie man manchmal gerade bei den Angehörigen kleinerer Völker einer Bildung von internationaler Vielseitigkeit begegnet, so steht er in der Universalität seines jüdischen Interesses und seiner Vertrautheit mit der jüdischen Entwicklung aller Länder unvergleichlich da. Die Universalität seines jüdischen Interesses gibt auch seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit ihre be* sondere Prägung. In ihm lebt ein Wissensdrang, der die ganze Entwicklung des Judentums zu umspannen strebt und sich allen Zweigen der jüdischen Geschichte und des jüdischen Schriftums gleichmäßig zuwendet. Diese außerordentliche Vielseitigkeit seiner Ge* lehrsamkeit ist um so bewundernswerter, weil sie überall in die Tiefe geht und sich nirgends mit einem bloßen Ansammeln unverarbeiteten Stoffes begnügt. Der Umfang seiner literarischen Produktion gibt nur ein fragmentarisches Bild seines wissenschaftlichen Könnens. Das außerordentlich stark entwickelte Wissensstreben drängte in ihm das produktive Be* dürfnis ein wenig zurück, und zumeist bedurfte es eines äußeren Anlasses, damit er sich zur Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse entschloß. Sein einziges größeres Werk liegt außerhalb des Bezirks der engeren jüdischen Wissenschaft. Es ist die Herausgabe und Erklärung der in der Kopenhagener Glyptothek vor? handenen palmyrenischen Inschriften, die ihm auch unter den Orientalisten den Ruf eines scharfsinnigen, ausgezeichnet durchgebildeten Forschers errungen hat. Sonst hat er nur Aufsätze und Abhandlungen ver* öffentlicht, die in verschiedenen orientalischen und jüdischwissenschaftlichen Zeitschriften und Sammel* werken verstreut sind. Allein schon die außerordent* liehe Mannigfaltigkeit ihrer Gegenstände zeigt die um* fassende Vielseitigkeit seiner Forschung. Neben Arbeiten über verschiedene biblische Apokryphen, wie das Tobit*Buch und das 4. Buch Esra, stehen sach* liehe und sprachliche Beiträge zur Talmuderklärung, Forschungen zur jüdischen Literaturgeschichte des Mittelalters, die sich einmal mit Maimonides, einander* mal mit einer bekannten synagogalen Dichtung be* schäftigen, und Aufsätze aus dem Gebiete der neueren jüdischen Geschichte, die besonders über Gelehrten* und Familiengeschichte interessante Aufschlüsse brin* gen. Diese verschiedenen Gegenstände seiner For* schung stehen abernichtbeziehungslosnebeneinander, seine Arbeiten sind vielmehr dadurch ausgezeichnet, daß sie in oft sehr glücklicher und schlagender Kombi* nation weit auseinanderliegendeTatsachen miteinander verknüpfen und ihnen dadurch überraschende und neue Seiten abgewinnen. Sein Anteil an der Arbeit der jüdischen Wissenschaft aber erschöpft sich nicht in seinen eigenen Veröffentlichungen. Mit zahlreichen führenden jüdischen Gelehrten steht er in regem Ge* dankenaustausch und hat viele ihrer Arbeiten durch wertvolle Bemerkungen gefördert, die er mit unermüd* licher Hilfsbereitschaft aus dem Reichtum seines stets präsenten Wissens spendet. Von allen Vereinigungen, die sich die Pflege jüdischer Wissenschaft zur Aufgabe machen, wird seine Mitarbeit gesucht. Seit der Begrün* dung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gehört er ihrem Ausschuß an und hat sich besonders um die Herausgabe ihres Maimonides* Gedenkbuches außerordentlich verdient gemacht. Vor allem aber dankt es ihm die jüdische Wissenschaft, daß er nach dem Rücktritt Abraham Berliners an die Spitze der Vereinigung Mekize Nirdamim getreten ist, die sich mit der Herausgabe unveröffentlichter Werke der älteren hebräischen Literatur befaßt, und durch ihre energische und umsichtige Leitung ihren Arbeiten einen neuen Aufschwung gegeben hat. Seine philantropische Wirksamkeit, die er zu* nächst im Kreise seiner Gemeinde entfaltete, hat eine größere Bedeutung zuerst in der Zeit der großen russischen Pogrome gewonnen. Er begnügte sich nicht mit der Veranstaltung großer Geldsammlungen, er wußte auch die führenden christlichen Kreise Dänemarks für die Sache der russischen Juden zu interessieren und versuchte — wie es scheint nicht