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Ost und West · 1923-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1923) · p. Seite 11 - 12

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Journal
Ost und West
Volume
23 (1923)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
Article
Die amerikanisch-jüdische Bibelübersetzung
Date
1923-01-01
Page
Seite 11 - 12 (sequence 6)
Language
German
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11 Zwei Parochet 12 nützen. Die Übersetzung tötet am Ende sich selber. Darum ist es tief zu bedauern, daß auch die Amerikaner den Fehler begangen haben, die Übersetzung ohne den Urtext herauszugeben. Er hätte *) Die Loeb Library of Classical Authors, die jetzt in London erscheint, bringt den griechischen und lateinischen Urtext der antiken Autoren neben der den Umfang des Bandes nicht einmal auf das Doppelte gebracht, und auch die Kosten hätten sich wohl nicht ins Unerschwingliche erhöht. Vielleicht holen sie es noch nach . . . *) modernen englischen Übersetzung, und zwar mit der ausgesprochenen Absicht, das Interesse für die klassischen Sprachen beim modernen Menschen rege zu erhalten. ZWEI PAROCHET» Von Sch. Anski. (Deutsch von Fabius Schach) Die alten Synagogen in Wolhynien und Galizien stellen häufig jüdische Altertumsmuseen dar. Man findet in ihnen die seltensten, feinsten Arbeiten in Silber, Bronze und Holz, und Stickereien von eigenartiger Schönheit. Von all diesen alten Schätzen aber, die ich dort sah, machten den stärksten Eindruck auf mich zwei Parochet, die sich in zwei kleinen Städten in Wolhynien befinden. Die Parochet sind sehr alt; einen großen künstlerischen Wert haben sie nicht, aber sie sind verbunden mit alten rührenden Erzählungen vom ehemaligen jüdisch-patriarchalischen Leben. Einer von diesen Altarteppichen ist von großem Sachwert, auf dickem braunen Samt sind Perlen, Diamanten und Rubinen fein eingestickt. Die Inschrift lautet: „Jörn nijomojim huchas. Jörn Kippur hamjuchas2)." Und darunter, etwas tiefer, stehen die Worte: „Petichat neillah"3). Über dieser Inschrift sind in Stickereien von echtem Golde Edelsteine eingefaßt. Der zweite Altarteppich ist schlicht und beinahe armselig. Er besteht aus zusammengestückelten alten einfachen Stoffen, wie die Frauen alter Zeiten sie zu tragen pflegten. Er trägt keinerlei Verzierung, nur unten findet sich eine halbverblaßte Inschrift in roter Wollstickerei: Lesichron nischmat haischa hakdoscha wehathora, morat Breine, eschet Reb Jisrael Schamesc'h4)." Beide Teppiche werden nur am Versöhnungstage gebraucht. I. Reb Naehman Freides war der erste Mann in der Stadt D. Er machte große Geschäfte nach dem Auslände, lieferte dahin große Warensendungen und 1) Vorhang an der heiligen Lade, eine Art Altarteppich. 2) Ein Satz aus der Liturgie des Versöhnungstages: Ein Tag, von allen auserwählt, Der Versöhnungstag wird gezählt. 3) Das Öffnen der heiligen Lade zum Neillahgebet. 4) Zur Erinnerung an die Seele der heiligen, frommen Frau. B re i n.e , das Eheweib, des Synagogendieners Israel. verdiente viel Geld. Er war kein Emporkömmling, stammte von reichen Eltern und gehörte einer alten angesehenen Familie an. Er lebte auf großem Fuße, aber in den Grenzen alter Kultur, wie es den aristokratischen Traditionen eines Patriziergeschlechtes entspricht. Er hatte die erste Stimme in allen öffentlichen Angelegenheiten der Gemeinde und war stets bereit, opferfreudig für die jüdische Gemeinschaft einzutreten, wenn es galt, bei der Regierung oder beim hohen Adel die gerechten Interessen der Judenheit zu verteidigen. Er genoß das höchste Vertrauen, und bei ihm wurden Mitgift und Mündelgelder deponiert. In Wohltätig- "keitsangelegenheiten hatte er eine offene Hand. Seine Spende war stets die erste und die höchste. An den Festen und namentlich an den hohen Feiertagen pflegte er die teuersten Alijot und Kibbudim6) des Gottesdienstes zu kaufen. Auf einige hatte er eine Art Vorzugsrecht, besonders auf das Öffnen der heiligen Lade zum Neillahgebet am Versöhnungstage. Zum ersten Male kaufte ihm sein Vater diese Ehrung, als er Bräutigam wurde. Von dann an blieb ihm diese Ehrung1 durch einen Zeitraum von fast fünfzig Jahren. In den ersten Jahren pflegte er für diese Ehrung einen Goldgulden zu schenken, später aber steigerte er die Summe immer mehr, und sie erreichte zuletzt die Höhe von vier Goldgulden. Zwar pflegt nach damaliger Sitte auch diese Ehrung versteigert zu werden, und der Synagogendiener pflegt jedesmal vor Neillah das Almemer6) zu besteigen und mit seiner brüchigen blechernen Stimme auszurufen: „V—v—vier Goldgulden für Petichat Neillah", aber irgendwelche Bedeutung hatte dieser Ausruf nicht. Denn es war ausgeschlossen, daß jemand mehr bieten würde, und niemand kam es in den Sinn, Reb Naehman um seine Ehrung zu bringen. Aber gerade in den Jahren des Alterns fing für Reb Naehman eine schwere Zeit an. Die Geschäfte Wurden immer schlechter, und er wurde 5) Aufrufen zur Thora, Ehrungen im Gottesdienst. 6) Erhöhter Platz mitten in der Synagoge, auf dem die Thora verlesen wird.

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