Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 23 (1923)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1923)
- Article
- Die amerikanisch-jüdische Bibelübersetzung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
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9 Die amerikanisch-jüdische Bibelübersetzung 10 wissenschaftlichen Erklärung der Bibel allzu sehrhervortreten zu lassen. Demgegenüber will der Kommentar gerade das in der ganzen nachbiblischen Literatur enthaltene wertvolle exegetische Material hervorheben und ins rechte Licht rücken, damit die Kontinuität des jüdischen Gedankens durch die Jahrhunderte sichtbar werde. Es kommt vor, daß mancher moderne Autor, ein jüdischer oder ein christlicher, z. B. Barth oder Noeldecke von Ibn Ganach oder Ibn Ezra antizipiert wurde. Da muß natürlich das Prioritätsrecht des alten jüdischen Kommentators gewahrt bleiben. Daß dabei manchmal Raschi neben Wellhausen zu stehen kommt ist um so bedeutsamer. So sehr wir uns mit den amerikanischen Juden über -das große und schöne Werk freuen, welches sie vollbracht haben, so können wir nicht umhin, einen schweren Mangel, den es aufweist, nachdrücklichst zu tadeln: Es fehlt in der Bibel der hebräische Urtext. Eine jüdische Bibel sollte iaber einem jüdischen Hause niemals ohne den hebräischen Urtext dargeboten werden! Ein Jude darf nie daran gewöhnt werden, die Bibel lediglich in einer anderen Spräche, ohne den hebräischen Urtext, vor sich zu haben, auch wenn er ihn nicht versteht. Daß er ihn nicht versteht, ist ein bitterer Mangel, und der Jude soll lernen, dies als einen Mangel zu empfinden. Für die Nichtjuden ist die Bibel, mag sie ihnen noch so heilig und teuer sein, ein rezipiertes, ein angenommenes, ein von außen hereingekommenes Buch, es wird, wenn auch nie ganz, zu ihrem Eigentum dadurch, daß sie es in ihre Sprache übersetzen. Für uns Juden ist die Bibel unser Buch, sie ist — diesmal hat der Sohar recht — mit Israel identisch. Wir sind mit ihr geworden und gewachsen und sie mit uns. Wir sind ohne einander gar nicht denkbar. Sie gehört zu uns in der Sprache, in der sie entstanden ist, zu. einer Zeit, als diese Sprache unsere Jebendige Volkssprache gewesen ist, in der wir denken und fühlen lernten, in der unsere Urahnen ihre ersten Gedanken und Gefühle kleideten. In jeder anderen Sprache, mag sie uns noch so nahe und lieb und traut sein, erscheint uns die Bibel wie in einen fremdartigen Nebelschleier gehüllt. Das ist ein gesundes Gefühl und es soll nicht dadurch geschwächt werden, daß wir uns an den Anblick von -jüdischen Bibeln gewöhnen, die nur in einer fremden Vermummung dastehen. Die Bibel und die hebräische Sprache hängen aneinander wie die Glut an der Kohle — um eine talmudische Wendung zu gebrauchen. Sobald die Bibel aufhören wird für das jüdische Volk ein Heiligtum zu sein, dann wird für die hebräische Sprache das letzte Stündlein geschlagen haben. Und umgekehrt, wenn die Juden eines gegebenen. Kulturkreises mehrere Generationen hintereinander des Hebräischen so weit unkundig sein werden, daß keiner unter ihnen die Bibel in der Ursprache wird zu lesen verstehen, dann werden sie über kurz oder .lang an der Bibel überhaupt jedes Interesse verlieren ,und aufhören, sie auch in der Übersetzung zu lesen. Und die schönsten jüdischen Übersetzungen werden dann entweder in das Museum historischer Kuriositäten hinüberwandern oder in den Besitz anderer Religionsgemeinschaften übergehen, wie dies mit der Septuaginta der Fall gewesen ist. Es unterliegt, keinem Zweifel, daß der Groll der palästinischen Juden gegen diese Übersetzung durch das Fehlen des hebräischen Textes hervorgerufen wurde, der sie ahnen ließ, daß bald auch der griechische Text in die Rumpelkammer wandern wird. Und ihr Gefühl betrog sie nicht. Auch die aramäischen Übersetzungen wurden angefertigt, um der in der Masse stark zurückgegangenen Kenntnis des Hebräischen nachzuhelfen, allein sie erschienen nie ohne den Originaltext; dies geht schon daraus hervor, daß bei der öffentlichen Vorlesung je ein Vers der Übersetzung von zwei Wiederholungen des hebräischen Textes eingerahmt wurde. Darum haben die aramäischen Targumim das hebräische Original nicht nur nicht verdrängt, sondern haben von ihm Leben und Weihe gewonnen und sind selber dem jüdischen Bibelleser teuer geworden, so daß er sie noch heutzutage gern neben dem Urtext sieht. Auch für die modernen Bibelübersetzungen, die „nackt" erscheinen, besteht die Gefahr, daß sie, sich.an die Stelle des Urtextes setzend, schließlich in den Abgrund des Nichts versinken, und die Bibel' überhaupt mit sich reißen, wenigstens für die Kreise, in denen die Übersetzungen alleinherrschend werden. Übrigens, jede Übersetzung veraltet mit der Zeit, der (Urtext allein bleibt ewig jung. Zu ihm muß man immer wieder zurückkehren, und unser Streben muß sein, den. Weg zu ihm immer offen zu halten. Jeder Jude muß in der Lage sein, den Gang zu den Quellen jederzeit zu unternehmen. Jeder Jude bringt von Haus aus eine gewisse Kenntnis des Hebräischen mit. Ist es ein Bibelleser, und hat rieben der Übersetzung den Urtext vor sich', so frischt er immer wieder seine hebräischen Kenntnisse jauf, er kann sich sogar angeregt fühlen, sie zu erweitern. Bekommt er aber niemals den Urtext zu Gesicht, entwöhnt er sich mit der Zeit, sogar vom Anblick hebräischer Buchstaben und wird ihm ihre Gestalt fremd, so daß er jedes Interesse an der Sprache der Bibel verliert, so wird ihm unfehlbar früher oder später auch das Interesse am Inhalt verschwimmen und schließlich ganz abhanden kommen. Die schönsten Kommentare werden hier nichts