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Ost und West · 1922-07-01 · Heft 7-9 (Juli-August 1922) · p. Seite 193 - 194

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Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 7-9 (Juli-August 1922)
Article
Judentum und Künstlerethik
Date
1922-07-01
Page
Seite 193 - 194 (sequence 2)
Language
German
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193 Legenden 194 keit des Künstlers, sondern von der unberechenbaren Laune des Genius abhängig. Seine Phantasie wird nicht durch das Gleichmaß des Alltags, sondern durch den erregenden Ton des Außergewöhnlichen in Schwingung versetzt, die Sensation der Gefahr hat für ihn nidht nur den Reiz des! Lockenden, sondern sie erhöht auch seine Spannkraft und sein schöpferisches Vermögen, während die Monotonie ruhiger Sicherheit ihn einschläfert. Aus alledem ergibt sich, daß jüdische Ethik, die ja durchaus bürgerlicher 'ujid sozialer Natur ist, und Künstlerethik in entschiedenem Gegensatz stehen. Bei der 'Bedeutung, die die Kunst im Leben der Gegenwart besitzt, wird es die Aufgabe der jüdischen Ethik sein, hier einen Ausgleich und eine Lösung zu finden. LEOENDEN Von Arthur Silbergleit, Berlin DAS HOCHZEITSFEST DES HOHEPR1ESTERS Zu dem mystischen Gastmahl, das der Hohe* priester im Throngemach seiner Träume seinem Gotte gab, lud er nur eine einzige Frau. Es war die Bundeslade. Sie, die Jahrtausendalte, erschien nun jugendlich geschmückt wie eine Braut; ein goldenes Diadem überstülpte ihr Haupt wie ein Turm eine Jehovazinne; ihr samtenes Gewand rauschte, von silbernen und opalisierenden Gürtels: schnüren umzirkt, hosiannahaft auf, und über ihrem Busen, in dessen Tiefen unsichtbare Cherube die eng aneinander gepreßten Rollen der Geheimnisse entbreiteten, stanzte das silberne Wappenschild Israels an saphirfarbener Halskette die Königs* zeichen eines jeden Stammes aus und läutete leise Hohelieder auf die andachtstiefe Schönheit ihrer stillen Liebkosungsstunde. Ihren lang herabwallenden Festtagsmantel mit dem Nachglanz aller Steine und Gestirne der Unterwolken* und Uber* wolkenwelt in Perlenzier, ihren Psalmen ausrieselnden maiengrünen Tempelvorhang, hinter desssen Ge* heimnisfaltenfülle sie sich oft wie ein scheues Kind vor der Betergemeinde barg, hatte sie der Obhut der Zedernholzsäulen, Marmorstämme und felsigen Pfeiler im Hause ihrer ewigen Weihe anvertraut, und manches Mal begann der schmale Himmel einer Ampel in die buntgeblümte Tempelwiese ihres Gewandes wieder einzublauen, manchmal suchten sie auch die Flimmer des siebenarmigen Silber* leuchters und seiner goldenen Kerzen wieder an* und aufzuglühen und die winterliche Starrheit der seidenen Blumenstickereien zu neuem Frühlings* leben zu erwecken. Der Hohepriester holte einen Tempelpokal herbei, trank aus seinen Oval seiner Geliebten schweigend zu, stellte ihn auf den Tisch der Opferbrote und preßte sie voll Inbrunst an sein Herz. Dann sprach er in der Einsamkeit seines Gemaches bis zum Aufgang der Morgenröte, Stunde um Stunde, mit ihr; der Silbertropfenfall und Regen seiner Worte berieselte sie süßer, als dem Reigen anmutsvoller Mädchen eine Kaskade seligkeits* trunkener Heiterkeit entrauscht und mit jubelndem Wind im Guirlandenlaub wetteifernd musiziert; seine ewig junge Braut schien seinem Seelenglück mit tausendjährigen Weisheitsworten zu erwidern, und ihre Stimme durchknisterte die Stille nicht selten wie ein zeitloses Pergament. Immer wieder wiegte und herzte der Hohepriester in seinen Armen seine Braut wie ein Vater sein Kind, und nun er ihre Gewänder leise löste und sie vollends entgürtete und entblößte, daß sie hüllenlos in ihrer Keuschheit und Scham vor ihm stand und daß er ganz in ihrer Seele zu lesen vermochte, dünkte es ihn, als feierte er in der Nacht der Nächte ein Hochzeitsfest mit der heiligen Tochter seines allerheiligsten Herrn. DAS SCHIFF DES EWIGEN LEBENS Wie nun die Schreckenskunde geiergleich durch mit den seidenen Tempelvorhangschnüren. Und die Lande raste, der Feind werde eindringen und die Barke glitt in die Weite, und der Wind ver* die Tempelschätze rauben, schluchzten die Männer warf die Kummerfalten ihres Sterbehemdsegels Israels fassungslos auf, hüllten sich in ihre weißen und glättete es wie die See und wie die wieder Sterbegewänder und verkrampften ihre Hände in leiderlösten Antlitze der Ruderer, und so steuerte Gebeten. Der Hohepriester nur blieb gesammelt die Barke unter der Sonnenwappenkrone Jehovas und befahl, eine Barke zu rüsten. Und er nahm mit allen Bundesladen und Tempelgeräten, trotz Bundeslade um Bundeslade aus dem Allerheiligsten, ihres Totenhemdsegels wie ein Hochzeitsschiff trug sie in den Nachen, ließ hier sein eigenes geschmückt, in die allen Feinden trotzenden neuen Sterbehemd als Segel aufhissen und befestigte es Friedensländer des ewigen Lebens der Israelslehre.

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