Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Zum zehnten Stiftungstage des Vereins
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 2)
- Language
- German
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139 Johannes Giskala: Zum zehnten Stiftungstage des Vereins: Jüdische Lesehalle und Bibliothek. dernen Form angepasste Stätte für die Pflege unserer Vergangenheitsgeschichte geschaffen ist. Für die Geschichte der Vergangenheit, die doch so viel tröstliche Gedanken für die Jetztzeit gibt und starken Hoffnungen für die Zukunft unserer Gemeinschaft den Weg in die jüdischen Herzen ebnet. Eine notwendige Ergänzung fanden die Geschichtsvereine in den jüdischen Lesehallen. Vor zehn Jahren wurde in Berlin eine solche Institution geschaffen, die für viele Städte im Reich vorbildlich geworden ist. Es waren zehn Jahre der Sorgen und der Arbeit. Aber der Erfolg hat die Richtigkeit und den klaren Blick der Begründer der Lesehalle bewiesen. Aus armseligen Anfängen ist sie erwachsen. Der russisch-jüdisch-akademische Verein, der ein neues Geschlecht junger Juden in Berlin vereinigte, begründete zunächst eine Lesehalle, in der freilich vorzugsweise die Tagesliteratur der östlichen Juden gepflegt und gesammelt wurde. Später eröffnete der leider zu früh verstorbene Kommerzienrat Julius Isaac in den Räumen seines Privatkomptoirs eine ähnliche Institution, gewissermassen zur Ausgestaltung des Geschichtsvereins. Allein die ungünstige Oertlichkeit, die Lesezeit, vielleicht auch das noch mangelnde Interesse führten bald dahin, dass sich Herr Isaac zu einer Schliessung des Instituts gezwungen sah. Damit war indes der Gedanke noch nicht begraben. Einige Mitglieder des Geschichtsvereins der Bne Briss-Logen. der Humanitätsgesellschaft und des national - jüdischen Vereins „Jung Israel"4 suchten immer neue Freunde für die Idee zu werben. Mit gutem Erfolge! Am 12. November 1894 konnte der Verein „Jüdische Lesehalle und Bibliothek" gegründet werden, und der damals gewählte Vorstard, die Herren Prof. M. Philippson, Julius Isaac, Will)' Bambus, L. Motzkin, Dr. J. Ginsberg, D. Wolff und Hugo Mankiewicz, betrieb die Angelegenheit so energisch, dass bereits am 24. Februar 1895 die feierliche Eröffnung der Lesehalle in den Räumen von Cassels Hotel statthaben konnte. Der Anfang war mühselig, und immer neue Schwierigkeiten wuchsen empor. Aber das Interesse erstarkte mehr und mehr. Schon am 1. Dezember 1896 hatte der Vorstand ein grösseres Lokal mieten müssen — Spandauerstrasse 11/13. Ein Jahr später — 1. Oktober 1897 — siedelte die Lesehalle nach der Oranienburgerstrasse 28, Hof, über, bis sie infolge der steigenden Frequenz in ihre jetzigen Räume verlegt werden musste, die sich im selben Hause befinden. Und heute tritt wieder die Frage an den Vorstand heran, wie eine neuerliche Vergrösserung der Lokalitäten ermöglicht werden kann. Betrug in den ersten Jahren die Zahl der Leser ungefähr 10—15 täglich, so benutzen heute monatlich etwa 2100 Personen die Einrichtung, so zwar, dass an manchen