Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Eine neue Spinoza-Biographie
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 133 - 134 (sequence 3)
- Language
- German
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133 Bernh. Müuz: Eine neue Spinoza-Biographie. 134- Jos voiübergegangen waren, Widersprüche und Verderbnisse der Heiligen Schrift, die nur den schärfsten Augen sichtbar waren, nachgewiesen, und auch scheinbar unbedeutende Einzelheiten hebräischer Lexikographie und masoretischer Kritik sind seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Seine tiefe Kenntnis der Sprache des Alten Testaments geht ferner aus jedem Kapitel des Abrisses der hebräischen Grammatik hervor. Dieses Schriftchen zeigt zugleich, ein wie grosses, während seines ganzen Lebens andauerndes Interesse für Sprache und Literatur seines Volkes ihm die Studien seiner Jugend eingeflösst hatten. Denn er schrieb diesen kurzen Leitfaden in der spätesten Zeit seines Lebens, als die Religion des Judentums weit hinter ihm lag." Nach Beendigung der Schuljahre bereitete er sich, wie die Vorrede der nachgelassenen Werke berichtet, für den theologischen Beruf yor. Vor allem dürfte er sich mit der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters beschäftigt haben. Wie tief er in dieselbe eingedrungen ist, erhellt aus einigen Briefen und dem theologisch-politischen Traktat. Er zitierte häufig Maimonides' „Führer der Zweifelnden", erwähnte öfter die Werke des R. Jehuda Alphakar, Gersonides und des scharfsinnigen Chasdai Kreskas und gedachte Abraham Ibn Esras mit grosser Anerkennung. Den Schriften dieser Männer schliessen sich die vom Geiste der Renaissance durchwehten „Dialoghi di amore" von Leo Hebräus an, die sich beim Tode Spinozas in seiner Bibliothek vorfanden. Er erklärte auch einmal ausdrücklich, dass er von Jugend auf mit den gewöhnlichen Ansichten über die Heilige Schrift, wie sie in der exegetischen und religionsphilosophischen Literatur des jüdischen Mittelalters niedergelegt sind, vertraut gewesen sei. Von ihr führten tausend Fäden zur Lehre der Kabbala, von der er sich indes mit Widerwillen abwandte. In jener Literatur fand er die ersten Antworten auf die Fragen, die ihn während seines ganzen Lebens bewegt haben. Und bei Ibn Esra und Leo Hebräus stiess er auf die Keime des Pantheismus, ihnen erstrahlt die Gottheit als Eines und Alles, als die das Weltall erfüllende Substanz, als die immanente Ursache der Welt: „Gott ist das Eine, welches Alles ist". „Er ist in Allem und Alles in ihm." Mit vollem Rechte zieht Freudenthal aus seiner Darlegung die Summe: „Der Einfluss der jüdischen Religionsphilosophie ist später durch andere mächtigere Einwirkungen verdeckt, aber niemals ganz verdrängt worden; ihre Spuren sind noch in den Werken des Mannesalters deutlich zu erkennen. Doch wenn auch keine der eigentlich spinozischen Lehren auf den unmittelbaren Einfluss jüdischer Denker zurückzuführen wäre, so hat doch Spinozas Weg ihn über ihre Philosophen zu den eigenen Gedankenkreisen geleitet; sie bilden eine wichtige Etappe auf seinem Bildungsgange: hierin besteht ihre Bedeutung für die Geschichte Spinozas." Neben den theologischen widmete er sich auch profanen Studien. Seine wissenschaftlichen Studien raubten ihm den Glauben der Kindheit. Allerdings haben ihn schon die biblischen Studien wankend gemacht; je mehr er in den Geist der jüdischen Literatur eindrang, desto ernstere Zweifel an die göttliche Offenbarung wurden in ihm wach. Wir erfahren von ihm selbst, dass er schon frühzeitig den Text der Bibel als vielfach verderbt angesehen und sich Aufzeichnungen über verstümmelte und verschriebene Stellen der Heiligen Schrift gemacht hat. Von da war nur noch ein kleiner Schritt zur Leugnung der Lehre, dass der Pentateuch auf Gottes Geheiss von Moses geschrieben wurde. War ihm aber der göttliche Ursprung der Bibel zweifelhaft geworden, dann konnte folgerecht das Zeremonialgesetz für ihn nicht verbindlich sein. Ob Spinoza sich völlig aus eigener Kraft von den Fesseln des angestammten Glaubens befreite oder dazu von anderen angeregt wurde, und wer es eventuell gewesen ist, der den zündenden Funken in seine nach Klarheit ringende Seele geworfen hat, vermag der Verfasser nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Nur als wahrscheinlich stellt er es hin, dass jüdische Schriftsteller einen tiefgreifenden Einfluss auf ihn ausübten. Es fehlte dem Judentum nicht an Grüblern und Zweiflern, deren Meinungen ihm bekannt waren, noch bevor er das neue Wissen des Abendlandes in sich aufnahm. Eben die Lehren, die er bezweifelte, die Abfassung des Pentateuchs durch Moses, die Göttlichkeit der biblischen Gesetze, die Inspiration der Propheten und die Authentie der biblischen Schriften waren schon im Mittelalter mit grösserer oder geringerer Entschiedenheit angefochten worden. Schon Ibn Esra hat Bibelkritik, wenn auch nicht im höheren Sinne des Wortes, getrieben, auf zahlreiche Stellen des Pentateuchs hingewiesen, die unmöglich von Moses herrühren können, und deswegen das Lob Spinozas geerntet. Gersonides hat auf chronologische Schwierigkeiten aufmerksam gemacht, die eine Inspiration des Verfassers der „Richter" ausschliessen. Andere Religionsphilosophen hoben andere grosse Schwierigkeiten des Bibeltextes hervor. Sie wiesen auf biblische Erzählungen hin. in denen von einem endlichen, in Raum und Zeit beschränkten, menschenähnlichen Gotte, von seiner Erscheinung an bestimmten Orten, von Zorn, Mitleid, Reue, Unkenntnis Gottes gesprochen wird. Sie zeigten, dass in zahlreichen Bibelstellen das Tun des Menschen als völlig abhängig A^on Gottes Wissen und Wollen hingestellt wird, und somit die Freiheit des Handelns gänzlich aufgehoben erscheint. Sie verschwiegen nicht, dass die Unsterblichkeit der Seele nirgends in der Bibel mit deutlichen Worten gelehrt wird. Spinoza unterschied sich von diesen Skeptikern nur dadurch, dass er vor den letzten Konsequenzen nicht zurückscheute und die Autonomie des menschlichen Denkens proklamierte, während jene die anstössigen Stellen allegorisch umdeuteten, um auf künstlichem Wege eine Versöhnung zwischen Glauben und Wissen zustande zu bringen. Die Bibel wurde unter ihren Händen gleichsam zu einem „Palimpsest, dessen äussere Züge man erst zu beseitigen habe, ehe man die ursprüngliche Schrift erblicken könne". Die Ketzerei war übrigens zur Zeit Spinozas in Holland keine seltene Erscheinung. Die dortigen Rabbiner ergingen sich in Klagen über die vielen Abtrünnigen, die der Bibel spotteten und das mündlich überlieferte Gesetz verwarfen. Freudenthal erzählt Näheres von dem Arzt Joseph del Medigo und tut dar, dass die Ansichten dieses seltsamen Mannes unserem Philosophen bekannt gewesen sein müssen, wie sich denn auch einzelne derselben in seinen Werken wiederfinden. Ober auch die ketzerischen Schriften Uriel da Costas gelesen hat, ist ungewiss, denn alle Exemplare seines im Jahre 1624 erschienenen Hauptwerkes sind verbrannt, und seine Autobiographie ist erst zehn Jahre nach Spinozas Tod herausgegeben worden. Dass aber seine Aburteilung des rabbinischen Judentums an Spinoza nicht spurlos vorübergegangen ist, ist wahrscheinlich, und sein tragisches Schicksal hat sicherlich auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. (Schluss folgt.)