Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Eine neue Spinoza-Biographie
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 131 - 132 (sequence 2)
- Language
- German
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Bernh. Münz: Eine neue Spinoza-Biographie. 132 schaften in Berlin hat den Lehrer der Philosophie an der Breslauer Universität in den Stand gesetzt, das Land kennen zu lernen, in dem Spinoza gelebt, gekämpft und gelitten hat, und in den Bibliotheken und Archiven Hollands wichtige Schriften und Urkunden zu studieren, die unbekannt oder unbenutzt geblieben waren. Dadurch, wie durch seine gründliche Kenntnis der Geschichte der Juden und der weitschichtigen jüdischen Religionsphilosophie hat er alle bisherigen Spinoza-Biographien weit hinter sich gelassen. Er ist in der Lage, uns neue Quellen zu erschliessen, die seinen Vorgängern wegen des Mangels an diesen Kenntnissen entgehen mussten, Etappen seines Entwicklungsganges, die von ihnen unterschätzt wurden, in die richtige Beleuchtung zu rücken. Die Lebensgeschichte Spinozas enthält freilich gar viele Lücken, die nicht auszufüllen, zahlreiche Dunkelheiten, die nicht aufzuhellen sind. Das Genie stellt uns zudem vor eine Fülle von Rätseln, weil Einfälle, Blitzgedanken, die Intuition eine grosse Rolle bei ihm spielen. Die Phantasie ist einer der mächtigsten Hebel für die Philosophie, wie dies schon Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" und Fichte in der „Wissenschaftslehre" hervorgehoben haben. Beide Denker haben die wichtige fundamentale Bedeutung der Einbildungskraft im Erkenntnisprozesse des Menschengeistes entschieden betont und sie auch da verwertet, wo das analytische Verfahren zum Stillstande kam und ein belebendes synthetisches Prinzip weiter aushelfen musste. Kant Hess sich sogar einmal, wenn auch nur flüchtig, gleich Schelling, der die intellektuelle Anschauung, die schöpferische Einbildungskraft als das eigentliche Organ der Philosophie bezeichnete, dahin vernehmen, dass er die Phantasie geradezu als die eigentliche Grundquelle aller Erkenntnis betrachte. Freudenthal begnügte sich daher in weiser Selbstbeschränkung, die Zahl der unbekannten und unerklärten Tatsachen zu verringern, indem er sorgsam betrachtete, was er selbst und andere zuverlässige Berichterstatter über Spinoza mitgeteilt haben, und diese Nachrichten, die in neuester Zeit durch glückliche Funde wesentlich vermehrt wurden, durch die Streiflichter zu erhellen, die die Verhältnisse seiner Zeit, seiner Umgebung und Erziehung auf ihn werfen. „Gehen wir so dem stillen Laufe seines Lebens aufmerksam nach und verfolgen wir ihn bis zu seinen Quellen und Zuflüssen", sagt er zum Schlüsse der Einleitung, „so werden wir imstande sein, die Beschaffenheit, die Richtungen und Biegungen dieses grossen und tiefen Stromes wenigstens in den Hauptzügen zutreffend zu beschreiben." Kein Mensch, und sei er auch der grösste und weiseste, kann sich dem Einflüsse seiner Zeit und seines Milieus ganz entziehen. „Wie weniges haben und sind wir", sagt Goethe, „das wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen. Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind." Und unter Bezugnahme auf seinen eigenen Entwicklungsgang äussert er sich zu Eckermann: „Was wäre ich, was würde von mir übrig bleiben, wenn diese Art der Aneignung die Genialität gefährden sollte? Was habe ich getan? Ich habe alles, was ich gesehen, gehört, beobachtet habe, gesammelt und verwandt; ich habe die Werke der Natur und der Menschen in Anspruch genommen. Jede meiner Schriften ist mir von tausend Personen, von tausend verschiedenen Dingen zugeführt worden; der Gelehrte, der Unwissende, der Weise und der Tor, Kindheit und Alter haben dazu beigetragen. Grösstenteils ohne es zu ahnen, brachten sie mir die Gabe ihrer Gedanken, ihrer Fähigkeiten, ihrer Erfahrungen, oft haben sie das Korn gesäet, das ich erntete. Mein Werk ist die Vereinigung von Wesen, die aus dem Gange der Natur entnommen sind." Unter diesem Gesichtspunkte müssen wir uns vor Augen halten, dass die Vorfahren unseres Philosophen spanische Juden waren, dass seine Eltern noch auf der pyrenäischen Halbinsel gelebt haben, und dass er die frühesten und tiefsten Eindrücke von dem Judentum empfing, wie es sich in Spanien und Portugal entwickelt hatte. In einer Art freigewählten Ghetto.-:, der Jodenbuurt, hat er die ersten 24 Jahre seines Lebens zugebracht. Leider ist uns über die Geistes- und Gemütsart seiner Eltern nichts bekannt. Wir wissen nur, dass der Vater, Michael, häufig die Ehrenämter bekleidete, welche die jüdische Gemeinde in Amsterdam zu vergeben hatte. In vier verschiedenen Jahren ward er zum Vorsteher einer der drei Teilgemeinden oder der seit 1639 bestehenden Gesamtgemeinde gewählt, und im Jahre 1651 war er Vorsteher des Leihhauses, in dem Notleidenden zinsfreie Darlehen gewährt wurden. Da er nicht durch Reichtum oder Gelehrsamkeit hervorragte, muss er, wie schon sein Vater, durch Rechtschafienheit, Frömmigkeit und Klugheit die Aufmerksamkeit der Glaubensgenossen auf sich gelenkt haben. Er hat viel Missgeschick erfahren. Drei Frauen wurden ihm durch den Tod entrissen, und von sechs Kindern musste er vier frühzeitig begraben. Seine erste Frau Rahel starb 1627. Ein Jahr später heiratete er Hanna Debora, die Mutter Baruchs, der kaum sechs Jahre alt war, als sie starb. So hat nur in der ersteh Zeit der Kindheit das Auge der Mutter über ihm gewacht, und gerade in den Jahren der Entwickelung fehlte ihm ihre Liebe und Fürsorge. Ob des Vaters dritte Frau, Esther de Spinoza aus Lissabon, ihm die rechte Mutter ersetzt hat, wird nicht berichtet. Der Stolz der Amsterdamer Gemeinde war ihre im Jahre 1639 begründete Lehranstalt, über die uns Freudenthal genau informiert. In ihr klomm die Jugend unter der Leitung der gelehrtesten Rabbiner, eines Manasse ben Israel und Saul Morteira, die Stufen von den ersten Elementen der hebräischen Sprache bis hinauf zu den feinsten und subtilsten Diskussionen des Talmud empor. Der Unterricht beschränkte sich aut die hebräische Literatur. In der obersten Klasse ward fast nur hebräisch gesprochen. Sonst war die Unterrichtssprache nicht das Holländische, sondern das Spanische; so gross war die Anhänglichkeit der Juden an ihr einstiges Vaterland, das Priesterherrschaft ihnen in eine Hölle verwandelt hatte. In der Schule hat Spinoza die Morgenstunden von 8—11 und die Nachmittagstunden von 2—5 zugebracht. Hier lernte er die hebräische Sprache, die biblische und talmudische Literatur seines Volkes gründlich kennen, hier ward sein lebhatter Geist durch die Waffen der talmudischen Dialektik geschärft. Kaum fünfzehn Jahre alt, soll er durch seine Fragen und Einwände seine Lehrer so verblüfft haben, dass sie ihm keine befriedigenden Antworten zu geben vermochten. Das biblische und rabbinische Schrifttum war also die Grundlage seiner Bildung. Wie tief es seine Wurzeln in Herz und Kopt unseres Philosophen eingesenkt hat, bewiesen seine Schriften. „Man braucht nur", sagt Freudenthal, „den theologisch-politischen Traktat zu lesen, um zu erkennen, wie vollkommen er sich Sprache und Inhalt der Bibel zu eigen gemacht hat. Er hat in diesem Buche geschichtliche Wahrheiten aufgedeckt, an denen die gelehrtesten Theologen früherer Jahrhunderte acht-