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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 125 - 126

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Versuchung
Date
1905-02-01
Page
Seite 125 - 126 (sequence 3)
Language
German
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125 Siegfried Seiinger: Versuchung. 126 Warst du ein Stümper erst, du wirst ein Weiser; Die dich verklagten, werden deine Preiser Dank jener Kur, der alles Heil entspriesst: Den Zauberstab, der die geheimsten Pforten dir erschliesst, Bin willens ich, dir in die Hand zu drücken! Der Einsatz ist so klein, die Chance gross, Die Bahn ist frei, sag' dich vom alten los, Dir mag's so bald nicht wieder glücken! (dem Arzt gönnerhaft auf die Schulter klopfend:) Greif zu, greif zu, dir kann noch viel gelingen.-- Arzt: Dann raüsst' ich mir Bedenkzeit ausbedingen--- Ich nehme an, ich war' bereit: Wer gibt mir dann die Sicherheit, Dass ich erreich', wofür ich mich verkaufe? Rat (unwillig ironisch): Dass ihfs doch ohne Sicherheit nicht macht! Arzt: Ein schlechter Kaufmann, der sie nicht bedacht! Rat: Mein lieber Freund: Zuerst die Taufe! Arzt: Und dann wohl gar vom Regen in die Traufe?! AVer wird sich denn die Finger gern verbrennen? Bei Wechseln muss man die Giranten kennen! Ich weiss: man liebt „gewisse" Konfessionen nicht, In allen Aemtern werden sie geschnitten; Wenn ihr Bekenner mit dem Alten bricht, Ist er als Eindringling auch nur „gelitten"! (halb mitleidig:) So liefern sich ans Messer selbst die Kälber! Sind Sie des Teufels Herr?! Rat (eisig): Der bin ich selber! Der Arzt steht versteinert da, sieht ihn scharf an. Rat (fortfahrend): Die Konkurrenz will gar nicht unterschätzt sein, Mit allen Hunden muss ich heut gehetzt sein, Soll mein Geschäftsbetrieb nicht scheitern —-- Du hast mich herzitiert, ich bin erschienen Und möchte meinen Kundenkreis erweitern; Darf ich vielleicht mit weitrer Auskunft dienen? Ich hab', vom Unternehmungsgeist erfasst, Mich ganz und gar der Neuzeit angepasst; Hauptsache ist der grosse Blick ins Weite: Beste Beziehungen stehn mir zur Seite! Denn wisse, Freund: umsonst all die Bemühung, Fehlt dir der Zauberschlüssel, die Beziehung! Buchführung hab' ich in der Hölle eingeführt, Jetzt ist die Ordnung unten ungeheuer: Nicht eine' Seele fehlt! Das Höllenfeuer Wird von geschultem Personal geschürt. Wir stehen eben in des Fortschritts Zeichen, Ich bin auch telephonisch zu erreichen..... (lauernd): Selbst ein Bakteriologen-Institut Hab' ich seit kurzem bei mir eingerichtet; Darinnen wird zurzeit aus edlem Grafenblut Der scheusslich giftigste Bazill gezüchtet. Und: hab' ich den erst in der Reinkultur, Kann deinen Widerstand ich rasch verscheuchen, Ich brauch' davon solch winz'ges Röhrchen nur (Zieht aus der Brusttasche ein Reagenzglas.) Und will damit die ganze Welt verseuchen! Ein smarter Kaufmann, nütz' ich meine Zeit, Solang die Sichel scharf, mäh' ich mein Gras; (zum Arzt, indem er ihm das Glas übergibt) Prüf den Bazillus! Nimm's Veigrösserungsglas! Was siehst du? Arzt (erschüttert): Den Bazillus der Unduldsamkeit! .... Rat (triumphierend): Stimmt! — Hat der erst die Erde ganz verpestet, Dann ist mein Regiment für immerdar gefestet; Dann wird der weite Höllenraum zu enge, Ich weide teuflisch schon mich am Gedränge! Das ist das Mittel, das mich stützen muss: Der Glaubenshass ist mir der liebste Sozius! Du merkst, die W^elt ist mir verfallen; Magst du auch knirschend deine Fäuste ballen, Was frommfs, dass glaubenseifrig du entbrennst? Lass dich von dem Gefühlchen doch nicht unterfassen, Das du von Kindheit an „Gewissen" nennst! Das Erdenheil wirst du damit nicht pachten — — Heut herrscht der Kampf der Klassen und der Rassen! Ein Lehrstuhl, mein' ich, ist nicht zu verachten, Nicht täglich winkt dir solch ein leckrer Frass — — Arzt: In ernster Zeit die Meinen zu verlassen? Untreu dem Glauben meiner Väter werden, Am wackern Fähnlein zum Verräter werden? (Der Rat hat inzwischen aus seiner Brusttasche ein Pergament hervorgeholt; er langt nach dem Federhalter, der auf des Arztes Schreibtisch steht und stösst dabei mit dem Aermel eine Photographie herunter, die der Arzt hastig aufhebt. Nein, nimmermehr! (das Buch nach dem Teufel schleudernd) Apage, Satanas! (Satan entschwindet, der Arzt sinkt erschöpft in den Lehnstuhl zurück.....Lautes Klopfen an der Tür; die Haushälterin bringt ein versiegeltes Schreiben in amtlichem Umschlage. Der Arzt steht verdutzt auf, wischt sich die Stirn und erbricht, noch sehr erregt von der Vision, das Schreiben, es halblaut durchfliegend): „. . . . Auf Euer Hochwohlgeboren Bewerbung wird Ihnen im Auftrage Seiner Exzellenz des Herrn Ministers mitgeteilt, dass die von Ihnen eingereichte Arbeit zwar durchaus zu Sr. Exzellenz Zufriedenheit ausgefallen ist, von Ihrer Anstellung als Dozent aber Abstand genommen werden muss, weil Euer Hochwohlgeboren nicht diejenigen Vorbedingungen erfüllen, welche bei der Besetzung der Lehrstelle diesseits in erster Reihe ausschlaggebend sind." Im Auftrage: Der Ministerialrat. (bitter lachend): Ach so! der Ministerialrat! — —

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