Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Versuchung
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 123 - 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Siegfried Seiinger: Versuchung. 124 Du Faust, hast's leichter, da ein Höllengeist Geschäftig dir die dunklen Pfade weist, Nur schade, dass im zwanzigsten Jahrhundert Mephisto hier sich nicht mehr blicken lässt! Er wagt sich nicht mehr aus Grossmutters Nest, Auf Erden ist sein Regiment verplundeit .... Des Menschen Ruhe kann er nimmer stören Und wirkungslos wär's, wollt' ich ihn beschwören — Zum Spass natürlich nur: (macht zauberische Gesten): Erschein! Erschein!! Erschein!!! (Die elektrische Glocke schellt stürmisch): Arzt: Das ist ein eiliger Fall! — „Herein!" (Ein feingekleideter Herr von faszinierendem Aeusseren, Monokel, „Es ist erreicht"-Bart, tritt ein, übergibt seine Karle. — Gegenseitige Verbeugung.) Arzt (macht eine einladende Handbewegung nach dem Stuhle hin): Herr Ministerialrat, darf ich fragen, Was Sie zu mir in später Stunde führt? Rat: Das lässt sich in drei "Worten schwerlich sagen, Weil mein Besuch gewisse Dinge mitberührt, Die heikler Art sind . . . Arzt: Ich verstehe!--- Bevor ich an die Untersuchung gehe, Möcht' ich nur wissen . . . Rat: Nichts davon! Zur Sache denn! — Sie hatten sich nach Bonn Um einen freien Lehrstuhl jüngst beworben, Als dort Professor Alesserfreund gestorben . . . Arzt (etwas erstaunt): Ganz recht Rat: Und Ihre neuste Arbeit eingereicht .... Arzt (etwas gezwungen lächelnd): Hat sie des Herrn Ministers Herz erweicht? Rat (windet sich erst um die Antwort herum, kämpft mit sich): Bei — nah! Als Seine Exzellenz sich drein vertiefte, Das Für und Wider Ihrer Thesen prüfte, Ward er auf den Verfasser aufmerksam, Sodass er zu der Ueberzeugung kam: Der Lehrstuhl war' der rechte Ort für Sie, Auch wohl ein Vöglein, das sich sonnt im Laube (Auf sein eigenes Knopfloch weisend): Doch fehlte Ihnen leider etwas —-- Arzt (erregt)- „Wie?!" Die Botschaft hör' ich---- Rat (jedes Wort zögernd mit Nachdruck): Ihnen fehlt der rechte Glaube! Arzt: Ah ... ich begreife, . . . doch als Sohn des Landes, Dünk' ich so gut als jeder andre mich, Und Unterschiede der Geburt, des Standes, Kennt die Verfassung nicht! Rat: Ganz sicherlich-- Doch wir, die wir im Ministerium sitzen, Wir dürfen uns nicht bloss auf die Verfassung stützen . . . Wir müssen vielen Dingen Rechnung tragen, Die man dann amtlich „Volkesstimme" nennt; Mein lieber Herr in spe — Privatdozent, Da sind zum Beispiel religiöse Fragen . . . Auch heisst's: Ihr drängt euch überall hinein . . . Arzt (in überlegenem Tone): Das Hexagramma macht euch Pein?! Rat: Nicht viel — der rassenwütigste Teutone Begibt sich, tut es not, zu Jakobs Sohne, Vertraut sich ihm ganz ohne Furcht und Groll (mit vielsagendem Lächeln:) Er hasst ihn erst, wenn er bezahlen soll! — ... Der Lehrstuhl ist noch frei, Ihr Sehnen ist zu stillen, Doch ein Bedingnis müssten Sie erfüllen, Ein wenig Ueberwindung kostet's nur . . . Nun, Sie erraten's?! — Eine Wasserkur! Drei Tropfen auf die Stirn . . . Arzt (auffahrend): Herrrr! solche Glaubensbeugung . . . Rat (kühl): Nennt man bei uns: „aus heiliger Ueberzeugung!" Man klimmt dann auf der Stufenleiter Des Ansehns ganz gefahrlos weiter; Man wird mit hohen Titeln schier erstickt, Von Orden aller Arten fast erdrückt, Und: ruft von hinnen uns der grosse Schweiger, Kommt man per Nachruf in den Reichsanzeiger! Wie viele sind den glatten Weg gewandelt . . . Arzt (bitter): Und haben ihren Glauben schnöd' verhandelt! Rat: Und doch ging's ihnen gar nicht an die Leber! Wenn man das, was uns hindert, rasch begräbt, Winkt uns der Trost: „Ich habe nicht umsonst gestrebt!" Arzt: Daher der Name „Streber!" Rat: Als ob nach Wochen noch ein Köter danach kläfft — Der gold'ne Weizen lacht, fort mit dem Häcksel! Arzt: Verächtlich find' ich jeden Glaubenswechsel, Der nicht dem wahrhaft innern Drang entspringt, Rat: Ob man damit den Hund vom Ofen bringt? . . . Wenn erst verheissungsvoll der Drang von aussen schimmert, Der „inn're Drang" ist leicht zurechtgezimmert! Wir nennen's „staatlich konzessioniertes Wechselgeschäft." (etwas schmeichlerisch:) Vom Wunderbronnen in der Kindheit Jahren Hast du wohl auch im Märchenbuch gelesen: Man steigt hinab, verfallen, weiss von Haaren, Jungkräftig tritt man in den Tag, genesen. Wir oben sind des Brunnens kluge Hüter, Steig' keck hinab, dann wirst du bald gewahren, Lässt du ganz unbesorgt den alten Adam fahren, Dir fallen in den Schoss die reichsten Güter.