Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Der Tod der Debora Traub
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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109 Richard Pluldschiner: Der Tod der Debora Traub. 110 FRIEDRICH BEER. PORTRÄT EINES MALERS. sie antwortete mehrenteils nicht, sah immer starr und litt beim Weiterfragen mehr und heftiger an ihren Krämpfen, wobei sie allerhand faselte und lachte und weinte. Ja eines Tags im Winter 1889 bin ich ihrer von ungefähr allein im Lusthaus hinten im Garten gewahr geworden und habe durch die offenstehende Tür gesehen, dass sie um die Stühle herum auf eine närrische Art getanzt, sich mitunter im Spiegel besehen und schiefe Gesichter gezogen, auch mit sich selbst Gespräche dabei geführt hat, wovon ich nur einiges vernehmen konnte, als zum Exempel: „Dich meine ich nicht — geht alle, ihr Schurken — o Gott!" Hierauf habe ich mich gezeigt: da ist sie auf mich zugekommen, hat starr gesehen, wie einer, der einen Fremden ersieht, und mich hart angelassen: „Was wollt ihr, alter Kerl? Was habt ihr hier zu tun?" Ich habe ihr freundlich zugesprochen, und da lacht sie auf einmal als eine ganz Umgewandelte, und sagt: „Mein Schätzchen, was machst du hier?" und fährt mir streichelnd mit der Hand durch den Bart. Ich habe solches auch hernach vor des Herrn Praetors Amsinck Licentiati Hochweisheiten ad protocollum gegeben, und haben auch andere Aehnliches auszusagen gewusst. Nutzte aber alles nichts, da Inkulpatin bei einer Vernehmung vor dem Herrn Actuarius substitutus Kropp, nachdem sie sich eine Zeit lang besonnen, — also schüchtern, erschrocken und an Besinnung schwach — sich eine selbsteigne Anklage herauslocken liess. War auch in der ganzen Stadt ein grosses Geschrei und suchten von allerhand Böswilligen edierte Schriften die Unglückliche, so viel nur immer möglich, als eine vollschuldige Verbrecherin hinzustellen. Aber ich habe nicht daran glauben können, ich, der ich sie habe aufwachsen sehen, und der ich, da sie noch ein Kind war, an so manchem Sabbatnachmittag mit ihr spazieren gegangen bin, im Garten ihres Vaters, der mein guter Freund war, gleicherweise wie auf dem Wall, wenn die welschen Kastanien blühten. Sie hatte so grosse, helle Augen, als welche nicht lügen konnten, und stellte in der Unschuld ihres kindlichen Gemüts viele Fragen nach Gott und seinen Engeln, und habe ich ihr gar oft den Erzvater Abraham beschreiben sollen; wenn ich ihr aber von Joseph erzählte, den die Brüder nach Aegypterland verkauften, da wurde sie zornig, ballte die kleinen Fäuste, und es kamen ihr Tränen in die Augen, liess sich aber nach Kinder Art allsogleich mit einem Zuckerstengel getrösten. Habe ich sie auch einmal gefunden, da sie ihrem jüngeren Bruder Salomon? der von der Mutter wegen eines Versehens gezüchtigt .worden war und nun weinend auf der Treppe sass, mit guten Worten und Küssen zuredete, und da er sich nicht beruhigen wollte, ihm ihr Bestes schenkte, nämlich einen halb zerrissenen Hampelmann aus Tuchfetzen und Werg. „Nimm," sagte sie und streichelte ihn, „du darfst ihn behalten, wenn du aufhörst zu weinen, und ich schenke dir auch noch meinen Brummkreisel." Die Tränen standen ihr dabei in den Augen und sie schluchzte recht herzbrechend, da sie von ihrem besten Spielzeug Abschied nehmen sollte. So war die Debora, die nun zwei Menschen vergiftet haben sollte, FRIEDRICH BEER. BÜSTE. Baron Springer.