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Ost und West · 1905-02-01 · Heft 2 (Februar 1905) · p. Seite 93 - 94

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 2 (Februar 1905)
Article
Friedrich Beer
Date
1905-02-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 6)
Language
German
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93 Dr. Theodor Zlocisti: Friedrich Beer. 94 Und sie lebt auch in der kraftvollen Gestalt des Ackermannes, der sich auf die Hacke stützt. Er reibt sich den Schweiss von der Stirn mit sehnichtem Arme. Nicht die Künstlerlust am bewegten und arbeitgeschwellten Muskel, nicht die laute Anklage ausgebeuteter Arbeiterkraft bei Constantin Meunier; Beers Ackermann ist das hohe Lied der Arbeit, wie die Bibel sie sieht und unsere talmudischen Weisen sie durch eigene Lebensführung gepriesen. Arbeit schändet nicht und ist nicht Sklayensache wie bei den Hellenen. Arbeit ist der Dank, dass wir auf dieser Erden leben dürfen. Sie ist das beste Gebet für Die Insel der Seligen. Es war einmal ein Chassid, der war ein Liebling des Baal-Schern. Da er sehr verarmt war, so unterhielt der Baal-Schern ihn und seine Familie, indem er ihm jeden Freitag eine bestimmte Pension auszahlte. Aber diese Summe reichte kaum aus, um ihn und seine Kinder zu ernähren. Eines Tages, als der Chassid kam, um sich seine Pension zu holen, bekam er einen Gulden weniger. Er war davon sehr betroffen, wagte aber nicht, nach dem Grunde zu fragen. Er nahm das Geld und ging nach Hause. Die Frau trug ein Pfand zum Nachbar und bereitete den Sabbat wie sonst, in der Hoffnung, dass ihr nächstes Mal der Ausfall ersetzt werden würde. Aber sie irrte sich. Am nächsten Freitag bekam der Mann um einen weiteren Gulden weniger. Sie gewöhnte die Kinder an immer kärglichere Nahrung, aber schliesslich fing sie an, dem Manne zuzusetzen, dass er sich ein Herz nehme und dem Baal-Schern ob der ihm widerfahrenen Unbill Vorstellungen mache. Nach langem Widerstreben tat dies der Chassid, aber mit Angst und Bangen. Der Baal-Schern antwortete: „Ich habe nicht die mindeste Pflicht, Dich und Deine Familie zu ernähren. Hier hast Du einen Goldgulden, gehe zu Markt und fange einen Handel an." Der Chassid tat, wie ihm befohlen ward, und fing einen Handel mit Wein an. Er hatte Glück. Sein Geschäft vergrösserte sich, und es erging ihm gut. Einmal musste er in Geschäften eine weite Reise unternehmen nach fernen Ländern, die jenseits des Meeres gelegen sind. Da ging er natürlich zum Baal-Schern, um von ihm Abschied zu nehmen und seinen Segen zu empfangen. Der Baal-Schern sagte: „Geh in Frieden, hier hast Du einen versiegelten Brief, den Du nur öffnen darfst, wenn Du Dich in der höchsten Lebensgefahr befindest." Der Chassid verwahrte den versiegelten Brief und trat die Reise an. Frau und Kinder begleiteten ihn zum Ufer des Meeres, hier nähte ihm die Frau den Brief des Baal-Schern in das Rockfutter ein, darauf verabschiedete sich der Mann und bestieg das Schiff, welches ins Meer hinausfuhr. Sie fuhren lange Tage und Nächte. Plötzlich erhob sich ein Sturmwind, das Schiff wurde zertrümmert, unser Chassid klammerte sich an ein Brett, welches ihn an ein Ufer trug. Er trat an Land und fing an, sich umzusehen, wo er sich x) Siehe „Ost und West" Heft 1. unseren Schöpfer. Nicht Klagen und Jammern, nicht Beten und Wünschen — Arbeit allein entscheidet unser Schicksal. Das ist jüdische Auffassung. Und Schillers Worte flogen uns beim Anblick von Beers Ackermann zu. Schillers Worte, die überhaupt durch eine seltsame psychische Wahlverwandtschaft bei den Juden bis in die östlichen Ghetti hinein einen Nachhall fanden, wie kein Dichter sie gefunden: Von der Stirne heiss Rinnen muss der Schweiss, Soll das Werk den Meister loben. Doch der Segen kommt von oben. verboten. befand. Es war eine Insel. Er sah herrliche Obst- und Weingärten und darin allerhand blühende Bäume, prangende Blumen und Früchte, alles weit grösser und farbenreicher als sonst in der Welt. Und wohin immer er ging, war es überall voll Licht und nirgends ein Schatten. Nur Menschen waren nicht zu sehen. Er ging weiter und fand Häuser. In eines der Häuser trat er ein; alles war darin in schönster Ordnung, als wären die Einwohner verreist und sollten bald wiederkommen. Am Herde standen Gerichte, überall war alles vorbereitet, aber kein Mensch war zu sehen. Dasselbe fand er auch im zweiten und im dritten Hause. Er dachte bei sich: „Was mag das sein? Sind alle Menschen dieses Landes irgendwohin verreist und haben ihre Wohnungen unverschlossen gelassen?" Obgleich er sehr hungrig war, wagte er nicht, Speisen und Getränke zu berühren, denn er fürchtete, ob er sich hier nicht just in der Hauptstadt der Schedim (Dämonen) befinde, und wer etwas von diesen geniesst, der kann ja nimmermehr ihrer Macht entrinnen. Mittlerweile sah er sich immer mehr in den Häusern um und fand, dass alles wie zum Sabbat vorbereitet war. In den Leuchtern staken Kerzen, auf dem Tisch lagen die Sabbatbrote, Wein schimmerte in den Flaschen, Fische schmorten in den Pfannen am Herd. Endlich kam der Freitag. Wie unser Chassid ziellos umherreiste, vernahm er eine Stimme, die rief: „Ins Bad! Ins Bad!" Er folgte der Stimme und sah den Schamas, der, wie üblich, umherging und die Leute einlud, vor Anbruch des Sabbats ein Bad zu nehmen. Der Chassid war sehr erfreut, endlich einen lebenden Menschen zu finden, aber der Schamas sprach kein Wort zu ihm, sondern zeigte ihm nur den Weg zum Bad. Im Bade war es voll von Leuten. Nachher gingen alle in die Synagoge zum Beten. Dort lud einer den Fremden zu Gast auf den Sabbat. Man feierte den Sabbat gar fröhlich und munter bei erlesenen Speisen und Getränken, man sang alle Lieder und jubelte, wie es der Chassid noch sein Leben lang nicht gesehen hatte. Er war sehr neugierig, zu erfahren, wer und was die Leute sein mochten, musste aber seine Neugierde bezähmen, da er am Sabbat von werktäglichen Dingen nicht reden durfte. Als am Abend der Hausherr die Havdala gesprochen hatte, und unser Chassid im Begriff war, ihn auszufragen, waren alle auf einmal verschwunden. Der Chassid irrte wieder tagelang einsam umher und wusste nicht, AUS DER JÜDISCHEN SAGEN- UND MÄRCHENWELT. Von Bar-Ami. II.1) Nachdruck

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