Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1905)
- Article
- Das Judentum un das Wesen des Christentums
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 83 - 84 (sequence 6)
- Language
- German
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83 —M—G—: „Das Judentum und das Wesen des Christentums. 84 begraben, sondern der im Leben und im Denken unser geistiger Führer sein will und — sein kann. Der Verfasser stellt eine andere Schrift in Aussicht, ,,die die innere Entwickelung des Judentums seit der Trennung des Christentums von ihm, seinen weiteren Anteil an der Entwickelung der Kulturen und Religionen anderer Völker verfolgen, die seit etwa 100 Jahren in ihm eingetretenen Veränderungen näher betrachten und die aus seinen gegenwärtigen Verhältnissen sich ergebenden Schlüsse auf seine weitere Zukunft ziehen" soll. Es sei gestattet, den Verfasser beim Wort zu nehmen, und das baldige Erscheinen dieser Schrift zu hoffen. Nicht scharf genug kann es getadelt werden, dass die Ausstattung dieses bedeutenden, schönen und geistvollen Buches banal, der Druck aber geradezu hässlich ist. FRIEDRICH BEER. Von Dr. Theodor Zlocisti. Nachdruck verboten. Nur wenige Zeit noch, und Friedrich Beer wird ein Sechzigjähriger sein. Ein langes Leben, reich an Arbeit, reich an Erfolgen, liegt hinter ihm. Vor ihm aber liegen noch grosse Probleme. Die Schaffenshast der Jugend ist vorbei. Langsam reifen jetzt die köstlichen Werke seines Alters. Der heilige Ernst, mit dem er die Sendung des Künstlers auffasst, haben ihn davor gerettet, ein Könner zu werden. L)as ist die Klippe, an der so oft alternde Meister zerschellen: dass die Geübtheit zur Schablone, die spielende Leichtigkeit technischer Fertigkeit zur Mache herabsinkt. Die Jahre aber, in denen sich bei anderen die Empfänglichkeit der Sinne abstumpft, haben Beer an den Quell eines neuen Lebens geführt. Die junge Bewegung des Judentums mit ihrem stürmenden Idealismus — der Zionismus — hat ihn mit sich fortgerissen. 1 )as Alter schmolz in dem glühenden Ueberschwang der neuen Ideale. Und Alter und Jugend fanden den AVeg zu einander. Das Alter nahm nochmals den Kampf auf, wohl ausgerüstet mit aller reifen Technik eines langen Schaffens, aber es war kein Schwelgen im Können, es war ein neues Ringen um starke und junge Probleme. Der Weg der künstlerischen Entwickelung Beers führt geradlinig in langsamer, aber stetiger Steigung zur Höhe seiner heuligen Reife empor. Nichts Sprunghaftes! Jeder Schritt nach vorwärts in der Erkenntnis und der Durchseelung seiner Schöpfungen, und gleichlaufend in wertender Anerkennung und im äusseren Erfolg hat eigener Fleiss, eigene rastlose Arbeit geschlagen. Beer ist nicht von guten Freunden und schreibflinken Journalisten ..gemacht" worden. Sein Weg ist der "Weg der Kunst — mühselig geebnet und emporgeführt. Nicht ein Schleichsteg der Kunst der Reklame. Ueber den Tag hinaus strebt sein Werk. Ein schlichler, stiller Mann, aller lauten Worte abhold und der Bewunderung erpöbelnden mise -en-scene. Kein Mann der geschwollenen Geste und des in die Höhe lügenden Kothurns. Sein Werk hebt ihn empor und der Glaube an ihren Sieg, der ein Glaube an den Sieg künstlerischen Ringens ist und künstlerischer Wahrheit. Ihm erwuchs daraus jene adelnde Bescheidenheit, die Beer in so reichem Masse eignet. Echtes Kiinstlertum macht immer bescheiden. Im Kampfe um die Gestaltung der inneren Gesichte wird der Künstler stille. In seinen wachen Träumen und in dem träumenden Wachen sieht er vor und über sich das Ideal seiner sehnenden Seele. Da er es misst an dem, was die Schöpferhand nur festzuhalten vermochte, wird er bescheiden. Denn des echten Künstlers Schmerz ist die Entmutigung. Seine Tragödie aber ist der Zweifel und die Verzweiflung. AVer sie gekannt, wird einsam und still. AVer sie nie gekannt, war nie ein Künstler. Lud wo dieser niederschleudernde und doch aufpeitschende Sturm erstorben, da ist das Kiinstlertum gestorben. Und die Routine entsteht. Der Künstler wird Techniker. Der Schaffende wird Macher. AVer in die Geschichte des inneren Lebens der Meister eindrang, fand die Cäsur gar oft. Oft ist diese Demarkationsgrenze scharf und dauernd und trennt deutlich das Brandig-Tote vom Lebendigen, vom Lebenden. Zuweilen ist sie nur leicht angedeutet und. zeigt sich nur zeitweise. Und nach Jahren künstlerischer Erschlaffung bricht sich verjüngender Blutstrom wieder Bahn. Nicht selten aber sehen wir den Meister zu gleicher Zeit an Werken, an denen seine Seel e schaffte, und an Arbeiten der Geübtheit: Bestellungsarbeit ohne inneren Zwang. Brotarbeit ohne inneres Erleben. — Friedrich Beer hat diese Untiefe mit gutem Glück umfahren. Er war mehr als manch anderer Meister in Gefahr, auf den Sand zu kommen und dort stecken zu bleiben. Hatte er sich doch schon in recht frühen Jahren eine Stellung errungen, die ihn als einen der gesuchtesten pariser Bildhauer gelten liess. Allein er hat die grosse künstlerische Not, in Alode zu sein, so zwar, dass es geradezu zum guten Ton gehörte, von Beer gemotzt zu sein, er hat diese künstlerische Not überwunden. Und sie ist doch schlimmer für den ringenden Künstler als die gemeine Not des Lebens. Beer war in noch jungen Jahren nach Paris gekommen.