Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Das Judentum in christlicher Darstellung
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 153 - 154 (sequence 2)
- Language
- German
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153 Das Judentum in christlicher Darstellung 154 Ausgabe ist gewöhnlich in den Händen der Forscher. Voisins ist selten zu finden. Neue und willkommene Quellen erschlossen sich den christlichen Apologeten in der Kabbala, die eine aus uralten Zeiten stammende geheimnisvolle Überlieferung sein wollte20). Der exzentrische, geniale Raymundus Lullus (gest. 1315) war der •erste christliche Gelehrte, dessen Schriften von Kenntnis der Kabbala zeugen, aber er benutzte diese Kenntnis hauptsächlich nur zu seinem großen Plane einer neuen Wissenschaft. Erst zwei Jahrhunderte später fing die Kabbala an, in christlichen Kreisen in die Mode zu kommen. Pico della Mirandola (gest. 1494) nahm sie mit Begeisterung auf. Er * fand darin eine Philosophie, die er leicht mit seinen neuplatonischen Ideen identifizieren konnte und die ihm noch mit der Autorität einer Offenbarung entgegenkam. Sie enthielt alle unterscheidenden Lehren des Christentums: „Das Mysterium der Dreieinigkeit, die Fleisch werdung des Gotteswortes, die Göttlichkeit des Messias, die Erbsünde und ihre Sühne durch Christus, das himmlische Jerusalem, den Fall der Dämonen, die Ordnungen der Engel, das Fegefeuer und die Höllenstrafen." Und all dies in einer geheimen Tradition, welche unter den Juden durch viele Jahrhunderte mündlich •-erhalten und dann durch Esra schriftlich fixiert wurde! Damit war nicht allein der christliche Glaube bestätigt, sondern es befähigte auch seine Verteidiger, die Spitzfindigkeiten "der Juden durch1 die Autorität ihrer eigenen Bücher zu widerlegen: „Da gibt es kaum einen Streitpunkt zwischen uns und den Juden, in welchem letztere aus den Büchern der Kabbalisten nicht so widerlegt werden können, daß auch nicht ein Winkel mehr für sie übrig bleibt, in dem sie sich verbergen können."21) Reuchlirr {gest. 1522), dessen Interesse für kabbalistische Studien durch Pico während eines vorübergehenden Aufenthaltes in Florenz im Jahre 1490 geweckt wurde, bewahrte eine ähnliche Schätzung der Kabbala, deren spekulative wie praktische Zweige seiner Ansicht nach in der Lehre vom Messias gipfelten. Von Galatinus. ist schon oben das Notwendige gesagt. Von da an nimmt die Kabbala einen hervorragenden Platz in der christlichen Apologetik und der antijüdischen Polemik ein neben oder vor den Zeugnissen aus dem Targum, Talmud und Midrasch und den jüdischen Bibelerklärern und Philosophen, wie Raymund Martini sie beigebracht hat. Die erste Einführung christlicher Gelehrten in die kabbalistische Literatur geschah durch neuere Autoren, wie Recanati (etwa 1300), dessen Kommentar zum Pentateuch Pico della Mirandola ins Lateinische übersetzte, und;B a c h i a b e n Ascher (Bechai; gest. 1340). Aber der Wissensdrang fand bald den Weg zum Sohar, welcher für die höchste Autorität auf diesem .Gebiete galt. Der Sohär, in Form eines IMidrasch auf den Pentateuch, gab sich als eine Geheimlehre aus, die R. Simeon ben Jochai einem Kreis auserwählter Schüler übermittelt und er selbst durch' Offenbarung empfangen hatte. Welche Vorbehalte auch christliche Gelehrte bezüglich der Inspiration Simeons gemacht haben mögen, das Alter und die Authentizität des Sohar zogen sie 20) Siehe L. G i n z b e r g, ,,Cabala", Jew. Encycl. II, 456—479. , i , i i 1 ' 21) De hominis dignitate (ed. Basel 1592) S. 329 f. nicht in Zweifel, auch nicht, daß er inhaltlich eine Überlieferung fortpflanzte, die weit älter war als die Zeit ihres berühmten Autors. Das hohe Alter der kabbalistischen Tradition wurde durch mehrere orthodoxe protestantische Theologen thatsächlich noch in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aufrecht gehalten22). Was beim Beweis christlicher Dogmen aus dem Sohar herauskommen kann, dafür bietet ein gutes Beispiel G. C. Sommer, Specimen Theologiae Soharicae cum Christiana amice convenientis, exhibens articulorum fidei fundamenfalium probationes, e Sohäre, .... petitas, etc. (1734), in welchem ein vollkommenes, in zwanzig Thesen formuliertes System der orthodoxen protestantischen Lehre aufgestellt ist, Artikel nach Artikel, durch Belegstellen aus dem Sohar statt aus der Bibel, die Auszüge gehörig im Original und in: der Übersetzung geboten mit erklärendem und illustrierendem Kommentar. Die gegenseitige Polemik zwischen Juden und Christen nahm im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert an Umfang und Heftigkeit zu, nicht nur in Spanien, wo übergetretene Juden ihren Eifer für ihren neuen Glauben durch die Schärfe bewiesen, mit der sie ihren alten bekämpften und ebenso> scharfe Entgegnungen hervorriefen, sondern auch in Frankreich und Deutschland23). Die Entgegnungen beschränkten sich nicht auf die Verteidigung des Judentums gegen seine Angreifer oder auf eine Widerlegung der christlichen Auslegung und Anwendung des Alten Testaments durch exegetische, und geschichtliche Argumente oder auf ein Bestreiten der Dogmen der Kirche aus rationellen oder philosophischen Gründen, sondern sie richteten ihre Kritik gegen die Evangelien und andere Bücher des Neuen Testaments, mit welchem die Autoren sich wohl vertraut zeigen. Ein Zeichen des Temperaments, mit welchem manche dieser Schriften abgefaßt waren, bietet der. Titel Nizzachon, „Triumph", welchen mehr als eine von ihnen trägt, genau wie Porchetus sein Buch „Victoria" genannt hat. Einer dieser „Triumphe", das Werk eines unbekannten Autors, der im Rheinland, vielleicht in Speyer, im dreizehnten Jahrhundert gelebt zu haben scheint21), beschäftigt sich eingehend mit einer ins einzelne gehenden Prüfung von Stellen aus den Evangelien, welche mit der Genealogie von Jesus in Matth. 1 und ihren Widersprüchen zur Genealogie von Lukas beginnt. Der Autor ist mit der Vulgata vertraut, deren Worte er häufig in lateinischer Sprache (mit hebräischen Buchstaben) anführt und kritisiert manchmal ihre Wiedergabe des Alten Testaments. Ein anderes Werk unter demselben Titel wurde von R. Lipmann -Müh"Ihausen geschrieben am Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. Sein Verfasser, der auch wohl vertraut mit der lateinischen Bibel war, bietet eine detaillierte Zurückweisung des Christentums, eingeteilt in Paragraphen, 348 an Zahl, von denen jeder mit einer Stelle aus dem Alten Testament beginnt. Eine um- 22) Namentlich Tholuck und Hengstenberg. 23) Die hervorragendsten getauften Juden in Spanien waren Abner von Burgos (Alfonso de Valladolid oder de Burgos, gest. ca. 1350; Salomon Hallevi von Burgos .(Pablo de Santa Maria oder de Burgos), gest. 1345: Josua ben Joseph Hallorki (Geronimo de Santa Fe), Leibarzt von Papst Benedikt XIII. 2i) Gewöhnlich zitiert als Nizzachon Vetus zum Unterschied vom Werk des Lipmann-Mühlhausen. Abgedruckt bei Wagenseil.