Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1922)
- Article
- Die Samaritaner in Sichem
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584108-2584111-2591497--18502-2591529- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
149 Die Samaritaner in Sichern 150 DIE SAMARITANER IN SICHEM*) Von Abuchemda, Jerusalem. Die Samaritanergemeinde in Sichern zählt jetzt -etwa hundertunddreißig Seelen, abgesehen von denen, die in Thul-Kerem und in Jaffa wohnen, deren Zahl sich auf etwa zwanzig Seelen beläuft. Das ist der gesamte Ueberrest dieses Volkes. Die meisten Samaritaner leben in äußerster Armut, wohnen dicht gedrängt in dunklen, Ulisauberen Gassen, am Fuße des Berges Garizim. Die Familie der Priester zählt etwa dreißig -Mitglieder, sie wohnen sämtlich in einem Hof zusammengepfercht. In demselben Hof befindet sich die uralte Synagoge, wohin zahlreiche Touristen! kommen, um die antiken Thorarollen zu sehen, die in althebräischer Schrift geschrieben sind. Einen starken, unauslöschlichen Eindruck einp|- fängt der Europäer, Ider dem Gottesdienst der Samajritaner in ihrer Synagoge beiwohnt. Die ganze Gemeinde ist in weiße Kittel gekleidet, die bis zu den Knöcheln reichen. Die Betenden stehen in Reihen geordnet, die Arme sind den Körper entlang herabgelassen, nur bei manchen einzelnen; Versen werden die Hände auf einmal in die Höhe .gehoben. Der Oberpriester, der zugleich Vorbeter ist, steht in ider Mitte des Raumes und hält in' beiden Händen die aufgerollte Thora, den Text der Gemeinde zugewendet; Haupt und Antlitz sind mit einem weißen Tuch verhüllt, er trägt die Gebete und Gesänge vor, die fast alle in aramäischer Sprache gehalten sind, und die Gemeinde betet Wort •für Wort nach. ..Die Melodien sind so alt und seltsam, daß sie aus fernen Welten zu kommen scheinen. Von Zeit zu Zeit knien die Betenden nieder, beugen den Oberkörper;xind berühren mit dem Gesicht den Boden, dann erheben sie sich alle auf «einmal. An Wochentagen halten sie keinen Gemeindegottesdienst ab, nur an Sabbaten, Neumond- und Festtagen. Freitag abends begrüßen sie den Säbbat vor Sonnenuntergang; wenn die Sonne im Untergehen ist, nehmen sie das Sabbatmahl ein, und sobald die ersten 3terne erscheinen, gehen sie zu Bett, denn am Sabbat darf kein Feuer angezündet ■werden. Mit Tagesanbruch versammeln sie sich in der Synagoge 'zum Gottesdienst, welcher zwei *) Die älteste noch bis auf den heutigen Tag in kümmerlichen Überresten existierende Absplitterung vom jüdischen Stamm bilden die Samaritaner zu Nablus, dem biblischen Sichern. Im Jahrgang 13 Heft 9 brachten wir aus der Feder des rühmlich bekannten Forschers Dr. J. Weißen berg eine ausführliche Studie über die Samariter vom anthropologischen und archäologischen Standpunkt. Die vorliegende, vor kurzem erschienene kleine Skizze bietet ein anschauliches Bild vom gegenwärtigen Zustand dieses Überrestes der einzigen altisraeiitischen Sekte. Stunden dauert. Dann wird der Wochenabschnitt aus der Thora vorgetragen in der Weise, daß jeder der Anwesenden einige Verse vorträgt. Ihre Perikopeneinteilung weicht übrigens von der unsrigen erheblich ab. Von der Synagoge gehen sie nach Hause, wo sie abermals den Wochenabschnitt lesen und ihn den Kindern und Unwissenden erklären. Jeder Vers wird gedeutet und analysiert, wobei es lebhafte Diskussionen gibt. Nach dem Morgenmahl schläft man bis zum Mittag, denn am Sabbat ist es verboten, müßige Unterhaltungen zu führen. Um die Mittagsstunde finden sie sich abermals in der Synagoge ein, um das Musaphgebet zu verrichten, nachher pflegen sie abermals der Ruhe oder ergeben sich dem Studium des Fünfbuches, um sich gegen Abend wiederum in die Synagoge zu begeben. So verfließen ihnen die Sabbate und Festtage zwischen Gebet nnd Lesen der Thora. Von den Festen feiern sie nur jene, die in der Bibel vorgeschrieben sind. Nur am 15. Schebat begehen sie eine Art Halbfest wie wir („das Neujahr der Bäume"), sie nennen es das Thekuphai- Fest. Ihr Kalender ist von dem unsrigen verschieden. Die Monate benennen sie nicht mit den persisch-babylonischen Namen wie wir, sondern nach den Ordnungszahlen (Nissan erster Monat, Ijjiar zweiter Monat). Rosch-Haschana begehen sie nur einen Tag, ohne Schofar zu blasen. . Jörn Kippur ist auch ihnen ein heiliger und furchtbarer Tag, aber sie begehen ihn ungleich strenger als wir. Volle 24 Stunden verbringen die 'Männer im Gebet, fast ununterbrochen auf den Füßen stehend. Alle fasten, auch kleine Kinder, sobald sie entwöhnt sind. Nur Säuglinge sind vom Fasten entbunden. Wöchnerinnen, stillende Frauen, gefährlich Kranke sind auch vom Fasten nicht befreit. Ihr „Gesetz" kennt keine Milde. Vor fünf Jahren erkrankte die Tochter des Oberpriesters, ein Mädchen von 16 Jahren. Am Jörn Kippur kam die Krise. Der Arzt flehte den Vater an, er solle der Kranken erlauben, einen Schluck Wasser zu sich zu nehmen. Der Vater sagte, das Gebot Gottes ist wichtiger als das Leben meines Kindes. Das Mädchen starb. Der Vater schätzte sich glücklich, daß es ihm gegönnt war, ein solches Opfer zu bringen. Das Laubhüttenfest feiern sie mit großem Prunk. Aber die Laubhütten errichten sie in den Stuben. An die Zimmerdecke sind eiserne Ringe befestigt, durch die man Schnüre von der einen Ecke des Zimmers bis an die andere zieht, darüber werden Palmenzweigen und Weidenruten gebreitet. Diese Laubhütten werden mit allerlei Zierat ausge-