Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1922) · p. Seite 85 - 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1922)
Article
Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
Date
1922-03-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584110-2591444--18451-2591475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

85 Der Rabbi und sein Sohn 80 weniger apart ist der andere, aus heraldischen Adlern gebildete, durchbrochene, niellierte Gold* ring, der gleichfalls ein schräges, geschlossenes Dach trägt. Dieses ist jedoch viel niedriger und nicht verziert, auf den beiden Längsseiten steht an Stelle des hebräischen Glückwunsches der aramäische Das Dach ruht nicht unmittelbar auf dem Rejfe, sondern auf einer niedrigen, durch Torbögen begrenzten Halle. Filigranbuckelverzierungen sowie Häuschen und Dächer sind besondere Kennzeichen der jüdischen Trauringe. Sie unterscheiden sich dadurch wesentlich von den sonstigen Rinjgen des Mittel* alters und der Renaissancezeit. Die beschriebenen fünf Ringe stammen ausi Venedig, vier von ihnen gehören dem 16. Jahrhundert an, Nr. 3 bereits dem 15 teh, vielleicht schon dem 14 ten. Auch die anderen abgebildeten drei Trauringe verdienen unsere Beachtung. Die beiden Goldringe Nr.l und 6 mit einfacheren Buckeln tragen den hebrä* ischen Glückwunsch oben auf geschweiftem Schilde bzw.ineinemaufgeschlagenenBuche.Vonihnenunter* scheidet sich der Messingring Nr. 7; er hat sechsmal dasselbe Ornament zwischen den einzelnen Buch* staben der hebräischen Wunschformel. Möglicher1 weise rührt Nr. 6 noch aus dem Ende des 16. Jahr* hunderts her, Nr. 1 und 7 wurden erst im ärmeren 17. Jahrhundert verfertigt. Unser Interesse wird hierdurch nicht vermindert. Selbst im Messingring zeigen sich Kunst und Eigenart des jüdischen Handwerks. DER RABBI UND SEIN SOHN Von Ti. D. Naumberg (Aus dem Jüdischen übersetzt von Theodor Zlocisti.) Die sabbatliche Mahlzeit war beendet. Der Sakener Rabbi rieb sich' zufrieden mit beiden Händen sein frommes Gesicht, strich sich die Schläfenlöckchen, rückte sein Käppchen zurecht und rüstete sich, einen Thoraa'bschnitt zu erklären. Denn die Leutseligkeit Gottes hätte ihm die Gnade des -Wissens gegeben. Mit einer Deutung eines Stückes der Heiligen Schrift das Mahl zu enden, war ein gottgefälliges Werk. Das Schweigen des Harrens war am Tische. Still saß der Sabbatgast da, ein. Chbssid, der gleich dem Rabbi zur Sekte der Libawitscher gehörte. Ihm gegenüber saß Schälorn, des Rabbi Sohn, ein Jüngling von achtzehn Jahren mit einem bleichen Gesicht, tiefen, fast schwärmerischen Augen. Er war ein Aufgeklärter: Seine Schläfenlocken waren geschoren. Er schrieb hebräische Gedichte und lebte in dem verklärten Ideal, einst ein großer Schriftsteller zu werden. . Die Frau des Rabbi war nicht am Tisch. Sie lag in einer anderen Stube, von Rheumatismus seit Monaten ins Bett gezwungen. In der Demut seines Herzens empfand der Rabbi die Deutung der Thora immer als schwere Aufgabe. Einfach zu sagen: „So muß man deuten, nur so/' das konnte er nicht über sich gewinnen. Ih'm war dabei, als sagte er eine Lüge. Hatte er sich' doch erst nach seinem fünfundzwanzigsten Jahre dem Chassidismus angeschlossen und erst in seinem Amte mehr und mehr seine Treue zu dem freudigen Bekenntnis gefestet. In jedem Jahre fuhr er zum „Rebben'', dem heiligen Führer der Sekte, und holte die Kraft und die Weihe. Und immer nach dieser Wallfahrt wuchs sein mutiges Verlangen, die Thora zu deuten — wie „Er". Und wagte es dennoch' nicht, wie .sehr ihn auch die Gedanken zur Äußerung drängten. Gerade der Anfang fiel ihm schwer. Er fürchtete, es sklavisch so zu Wehen, wie der „Rebbe": Die Bank kräftig zu rücken, die Zuhörer mit einem strengen, fast bösen Blick anzuschauen . . Dann zu hüsteln. So ließ er denn seine Augen demütig sinken, griff mit der Rechten nachdenklich an die Stirn und spielte mit der anderen Hand mit einem Messer auf dem Tisch'. Und da er anhub zu reden, war sein Wort so leise, daß man es kaum hörte. „Wenn du ausziehst zum Kampf gegen deine Widersacher . ." Widersacher, das ist der böse Trieb. Sein Kopf wiegte sich', das Wort der Lippen bestätigend, hin und her. Allmählich wurde der Rabbi kühner, übersetzte den Satz weiter und wagte es schon, dem Gast in die Augen zu sehen. Des Gastes Oberkörper begann nun auch' unter mancherlei Verkrümmungen hin und her zu schaukeln. Nur seine Augen kamen von der Branntweinflasche nicht fort, die vor ihm auf dem Tische stand; und die. Frage wallte durch' seinen Schädel, wie nur so viel Branntwein noch' hatte übrigbleiben können. Und je länger der Rabbi sprach1, um so wilder wurde das Verlangen des Gastes. Bis es nicht mehr niederzuhalten war. Hastig packte er die Flasche, goß sich' ein Glas voll, zum Überlaufen voll und stürzte es mit zurückgelegtem Kopf hinunter. Da wandte sich' der Rabbi von seinem Gaste unmutig ab und seinem Sohne zu, obwohl er doch wußte, daß er mit seinen Thoradeutungen bei ihm kein geneigtes Ohr fand. Aber er hatte ihn ,doch lieb. Es war ja sein einziges Kind, das ih'm einst viel Freude machen mußte. Nach' „hundert Jahren" würde er das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.