Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 22 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
- Article
- Ghazali
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 5 - 6 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Ghazali 6 innerlichung der gottesdienstlichen Übungen und der übrigen religionsgesetzlichen Werke; sie sind Heilmittel für das sieche Herz, die unserer Vernunft unzugänglich sind und deshalb aus der Offenbarung entnommen werden müssen. Den nächsten Schritt bildet die Befreiung der Seele von allen ihr anhaftenden 'Fehlern und Lastern durch entgegenwirkende Uebungen. Mit einem kaum je vor ihm erreichten psychologischen Scharfblick weiß Ghazali in der Tiefe menschlicher Herzen Gebresten aufzudecken, wo die Außenwelt und selbst das eigene Bewußtsein nur Vorzüge sahen; zweifellos beruhen seine Beobachtungen, wie Obermann mit Recht bemerkt, wesentlich auf Autoanalyse. Erst nach dieser Läuterung vom an sich Bösen kann der eigentliche „Pfad" beschritten werden, welcher zu Gott hinführt. Jetzt erst wird es möglich, das irdische Sinnen und Trachten überhaupt abzustreifen. Das geschieht nicht durch Selbstpeinigung .und übermenschliche Entbehrungen; denn dadurch wird der Sinn gerade auf das Körperliche hingelenkt, statt davon abgezogen zu werden. Wer seine Gedanken fortdauernd auf den Kampf gegen das Weltliche richtet, ist ebenso daran gefesselt wie der in weltlichen Genuß Versunkene. Nur wem Besitz und Entbehrung der irdischen Güter völlig gleich gilt, der ist wahrhaft frei, der kann Gott allein im Herzen tragen und darf auf die Gnade göttlicher Erleuchtung hoffen. Ghazalis Lehre hat jedoch nicht nur den Idealtypus jener Höhenmenschen im Auge, welche diesen schier unerfüllbaren Forderungen genügen können, sondern — und darin liegt zum Teil die historische Bedeutung seines Werkes — er weiß überall auch dem einfachen Gläubigen etwas zu geben, was seiner Fassungskraft entspricht und ihn religiös fördert. Die vorstehenden Zeilen können nur eine ganz dürftige Anschauung geben von dem überausreichen und tiefen Inhalt des Ghazalischen Lebenswerkes, dessen Bedeutsamstes das Obermannsche Buch in meisterhaft klarer und fließender Darstellung vor uns ausbreitet. Obermann hat sich auch' mit Erfolg bemüht, Ghazalis Lehren in ihren weiteren religionsgeschichtlichen Zusammenhang einzustellen, und einige der Grundprobleme auch unter allgemeinen Gesichtspunkten behandelt. Wehn auch einzelnes vielleicht von der fortschreitenden Forschung berichtigt werden wird — namentlich scheint mir Ghazalis Verhältnis zum Ssufismus nicht zutreffend beurteilt zu sein —, so bedeutet doch das Werk gegenüber der bisherigen Ghazali- Literatur einen außerordentlichen Fortschritt. Ghazali ist für das Judentum von besonderer Bedeutung,, weil seine neue Gedankenwelt auch in der jüdischen Religionsphilosophie zu einer Art Revolution in zweifacher jRichtung geführt hat: einer Revolution gegen die bloße Gesetzesfrömmigkeit bei Bach'ja ibn Pakoda, gegen die Vorherrschaft des abstrakten Denkens im Bereiche der Religion bei Jehuda Halevi*). Aber nicht nur der Fachmann auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie oder der Religionsgeschichte überhaupt sollte dieses vorzüglich geschriebene und gemeinverständlich gehaltene Buch lesen, sondern jeder, der für religiöse Probleme Interesse hat. 2) Für Jehuda Halevi hat David Kaufmann die Abhängigkeit von Ghazali erwiesen, für Bachja neuerdings A. S. Yahuda.