Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1922) · p. Seite 3 - 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
22 (1922)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1922)
Article
Ghazali
Date
1922-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584108-2584109-2591386--18390-2591410
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 Ghazali 4 fortschreitenden religiösen Niedergang seiner Nation zu steuern, ein Erneuerer des echten Islam: zu werden. . Ausschließlich religiöse Beweggründe leiten denn auch Ghazali dort, wo er sich mit philosophischen Problemen auseinandersetzt, so daß wir von ihm, wohl dem selbständigsten der islamischen Denker, abgesehen von mehreren Handbüchern der Logik, keine systematischen Schriften auf diesem. Gebiete besitzen. Ghazali hat als erster, aus gründlicher Kenntnis heraus und mit zureichenden. Waffen, den Bann der griechischen (aristotelischneuplatonischen) Philosophie gebrochen, .welche zum Teil die besten Köpfe der Mohammedaner, aber auch viele urteilslose Mitläufer zu ihren Anhängern' zählte und dem Glauben erheblichen Eintrag tat. Sein Nachweis, daß nur die Logik und die mathematischen Wissenschaften der Griechen auf notwendige Gültigkeit ihrer Sätze Anspruch machen, können, ihre Physik und Metaphysik dagegen auf unsicheren Grundlagen beruht, konnte bahnbrechend sein, wenn die Zeit reif dafür gewesen wäre. Die energische Trennung beider Arten von Disziplinen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes ist ein wesentliches Verdienst Ghazalis. Dennoch hat er eine konsequente Scheidung von Glauben und Wissen nicht vollzogen; keineswegs hat er diese beiden Bewußtseinsformen auf verschiedene Organe zurückgeführt. Auch die Annahme der Idealität von Zeit und Räum darf man ihm schwerlich zuschreiben. In der Kausalitätslehre finden wir bei ihm die bemerkenswerte, dem Abendlandc erst durch die Okkasionalisten und Hume eroberte Erkenntnis, daß wir in der Erfahrung niemals einen Gegenstand oder einen Vorgang durch' eine Ursache entstehen sehen, sondern immer nur gelegentlich eines anderen Vorganges; diese Entdeckung stammt allerdings schon von der älteren islamischen Theologie. Nicht nur einen Fortschritt, sondern fast eine Offenbarung bedeutete Ghazalis Wirken auf dem eigentlich religiösen Gebiete. Zwar hat er auch hier nicht aus dem Nichts geschaffen; die Elemente seines Werkes finden wir teils schon in der älteren ssufischen Erbauungsliteratur, teils in der von ihm so hart bekämpften griechischen Philosophie. Aber indem Ghazali ssufische Innerlichkeit und peripatetische Wissenschaftlichkeit in großartiger Synthese vereinigte, gelang es ihm, eine Wissenschaft vom Religiösen zu begründen, welche Verstand und Herz gleich befriedigte und deren Kern noch heute manches religiöse Gemüt befriedigen wird. Ghazali begründete die Religion in der menschlichen Seele oder, wie er in Anlehnung an ssufischen Sprachgebrauch meist sagt, im, „Herzen". So kann bei ihm mit Recht von einem „religiösen Subjektivismus" gesprochen werden. Des Menschen Seele weist Züge auf, welche inder Welt des Irdischen nicht weiter angetroffen! werden und sich aus ihr nicht erklären lassen. Seine Vernunft fällt Urteile von allgemeiner Gültigkeit, welche nicht der Erfahrung entstammen können. Sein .Wille bezwingt die fleischlichen Begierden und richtet sich auf Ziele, die mit irdischen Zwecken nichts zu tun haben. Die wunderbarste Eigenschaft des Herzens aber ist sein Drang, alles allein zu beherrschen, die Wurzel der nimmersatten Habsucht wie der unstillbaren Ruhmsucht, welche nichts anderes als die Herrschaft über idie (Gemüter erstrebt. Ja selbst der unbezähmbare Wissensdurst des Menschen entspringt aus dem Wunsche, all das, was er nicht in seine unmittelbare Gewalt bekommen kann, wenigstens geistig zu beherrschen. Alle diese Eigenschaften, in denen sich ein Streben nach dem Alleinbesitz einer Vollkommenheit ausdrückt, weisen aber auf ein Göttliches in der Menschenseele, wenn anders Einzigkeit in der Vollkommenheit, die Umfassung und Beherrschung des Alls Gottes Wesen ausmachen. Alle Mühe um Habe und Ruhm erweist sich jedoch als fruchtlos und nichtig, weil wir diese Güter im besten Falle für die kurze Spanne des Lebens uns aneignen, um dann fü|r die Ewigkeit leer dazustehen. Nur die gewonnene Erkenntnis bleibt uns über den Tod hinaus, nur die Erkenntnis auch können wir in gewissem Sinne zur Vollkommenheit bringen. Denn alles kausale Denken muß, wenn es nicht auf der Mitte des Weges stehenbleibt, sondern unbeirrt zum letzten Grunde vordringt, auf den Urheber des Alls, auf Gott führen; in Gott aber liegt das All beschlossen, und wer Gott erkennt, erkennt das All. Gotteserkenntnis ist die höchste Seligkeit, und in ihr liegt die Bestimmung des Menschen. Doch ist nicht das wissenschaftliche Forschen der vornehmste Weg zur Gotteserkenntnis, wenngleich es uns immer neue Wunder der göttlichen Weisheit und Güte offenbart. Unvergleichlich höher als das Verstandeswissen steht das unmittelbare Schauen, die göttliche Erleuchtung, wie sie den Propheten zuteil geworden ist. Sie ist ein Ausfluß der göttlichen Gnade; doch ist sie niemandem verschlossen, dessen Herz ganz allein von Gott erfüllt ist. Die Läuterung des Herzens von jedem Trieb und jedem1 Gedanken außer der Gottessehnsucht und dem Gottdenken ist darum das Ziel der Religion, und dazu anzuleiten, hat sich] Ghazali zur Lebensaufgabe gemacht. Sein großes Werk „Die Neubelebung des religiösen Wissens" sowie eine bedeutende Zahl kleinerer Schriften gelten diesem Ideal. Der Weg, den Ghazali hierbei eingeschlagen, kann hier nicht im einzelnen verfolgt werden. Die Grundlage, die vorbereitende Stufe bildet die Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.