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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 67 - 68

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Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Das Wasser im Bilderschmucke der alttestamentlichen Dichter und Propheten
Date
1905-01-01
Page
Seite 67 - 68 (sequence 6)
Language
German
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67 Ueberflute dein Land gleich dem Nilstrome, Tochter Tarsis, kein Gürtel beengt dich mehr. (Jes. 23, 10.) An dem Steigen und Fallen des Nils endlich versinnbildlicht Arnos Jahves Strafgericht. Soll darob nicht erzittern das Land und in Trauer geraten ein jeder, der darin wohnt, Dass emporsteigt gleich dem Nil ihr alles und woget und sieht senkt wie der Nil Aegyptens? (Am. S, 8: vergl. 9, 5.*) „Wie wenn geschwollen ein Strom sich hinab in die Ebene giesset, Voll Herbstflut vom Gebirg', indem Zeus Regen ihn fortdrängt; Viel der dorrenden Eichen sodann, viel Kiefernholz auch Wälzt er hinab, und rollt viel trübenden Schlamm in die Salzflut: So durchtummeltc tobend das Feld der strahlende Ajas, Bahn durch Männer sich hauend und Reisige. (II. 11, 492—497.) Einen ergreifenden Eindruck machen die Schilderungen des Meeres im poetischen Schrifttum des Alten Testaments. Es ist der Wasserbehälter, der alle Gewässer in seinen Schoss auinimmt (Koh. 1, 7), doch Jahve setzt ihm Schranken, die es nicht durchbrechen darf (Am. 5, 8; Ps. 33, 7). Man merkt es den vom Meere entlehnten Bildern und Vergleichen an, dass die Dichter dieselben kraft der eigenen Anschauung entworfen haben. Wir hören das Tosen, Brüllen und Stöhnen seiner brandenden Wellen und empfinden das Grandiose der Plastik in der Darstellung, wenn Hie Windsbraut die Wassermassen aufwühlt, zum Himmel emporschleudert, dann wieder in die Tiefe hinabstürzt, und „die Seele dabei in Angst zerschmelzen" möchte; aber auch wenn Windstille eintritt, die stolzen Wellen sich legen und die Seele vor Freude aufjauchzt und den Schöpfer preist, dass die Gefahren vorüber sind (Ps. 107, 25-30). Im dichterischen Vergleiche veranschaulicht das wildtobende und brausende Meer zunächst das Ungestüm herannahender friedlicher Völker. So in einem Orakel Ezechiels gegen Tyrus: Darum, so spricht der Herr Jahve: Siehe, ich will an dich, Tyrus, und ich führe herauf gegen dich viele Völker, wie wenn das Meer seine Wogen aufsteigen lässt. (Ezech. 26, 3.) Feiner bei Jesaia: Wehe über das Tosen vieler Völker! Gleich dem Tosen der Wasser tosen sie, Und über das Brausen der Nationen; gleich dem krausen starker Wasser brausen sie. (Jes. 17, 12. 13.) Von dem Tage, wo Jahve in seinem Zorn den Feind über Juda herbeilockt, heisst es: Und es wird über ihm tosen an jenem Tage, gleich dem Tosen des Meeres. (Das. 5, 30 ) 68 Unter dem Bilde von tosenden Meereswogen wird der auf Jahves Geheiss von Norden heranstürmende Feind zum Strafgerichte über Jerusalem geschildert. So spricht Jahve: Siehe, es kommt eine Nation vom Nordlande her und ein grosses Volk erhebt sich von den Winkeln der Erde. Mit Bogen und Wurfspiess erweisen sie sicli stark; grausam sind sie und erbarmen sich nicht: ihr Geschrei tost dem Meere gleich.*) (Jer. 6, 23.) Reg1 jetzt war die Versammlung, wie schwellende Wogen des Meeres Auf der ikarischen Flut, wann hoch sie der Ost- und der Südwind Aufstürmt, schnell dem Gewölke des Vaters Zeus sich entstürzend. (II. II, 144-146). In einem Ausspruch über Babel droht derselbe Prophet, dass anstürmende Kriegsheere wie brausende Meereswogen dasfremde Land bedecken werden. Es stieg heiauf über Babel das Meer, durch das Tosen seiner Wogen ward es bedeckt. (Das. 51, 42.) Das wildbewegte Aleer, insofern es Kot und Schlamm auswirft, dient dem zweiten Jesaia als trefflicher Vergleich der gottentfremdeten Frevler, die nur Böses hervorbringen. Aber die Frevler sind wie das erregte Meer, das nicht rasten kann und seine Wasser wühlen Schlamm und Kot auf. (Jes. 57, 20, vergl. ludae 13.) Wegen seiner Grösse wird das Meer von den alttestamentlichen Dichtern als Bild der Unendlichkeit verwendet. Unter diesem Gesichtspunkte erscheint im Buche Hiob zunächst die göttliche Weisheit nach ihrer Höhe, Tiefe, Länge und Breite. Sie ist höher als die Himmel, was kannst du tun? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen? Länger als die Erde ist ihr Mass, Und breiter ist sie als das Meer. (Hi. 11, 9.) Sodann werden aber auch die Gottesgerichte hinsichtlich ihrer Unergründlichkeit mit der Urflut verglichen. Deine Gerechtigkeit ist wie die Gottesberge, Deine Gerichte wie die grosse Flut. (Ps 36. 7.) Damit haben wir das Wasser, diese Elementargewalt, in seiner Symbolik m poetischen Schrifttum des Alten Testaments ziemlich erschöpft. Es liefert den Dichtern und Propheten die sinnlichen, plastischen Hüllen lür einen reichen religiösen, sittlichen Ideenkreis. Es ist ein Spiegel, in dem das israelitische Volk das Geistige und Ewige schauen sollte. Oft wird ihm dieser Spiegel vorgehalten, um sich in dem Verhältnisse zu seinem Bundesgotte und in dem Verhältnisse zu den umgebenden Weltreichen zu schauen. Zugleich aber sollte ihm auch der Spiegel das eigene Herz mit seinen guten und schlimmen Regungen vergegenwärtigen. Prof. Dr. Aug. Wünsche: Das Wasser im Bilderschmucke der altteslamcntlichen Dichler und Propheten. *) Bei Homer ist der alles mit sich fortreissende Strom Bild des Helden Ajas: *) Bei Homer sind die tosenden Mecreswogen Bild der vor Troja versammelten Völker.

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