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Ost und West · 1905-01-01 · Heft 1 (Januar 1905) · p. Seite 19 - 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 1 (Januar 1905)
Article
Lesser Ury-Ausstellung im Salon von Keller & Reiner
Date
1905-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 2)
Language
German
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M. Rapsilber: Lesser Ury-Ausstellung jm Salon von Kuller & Reiner. 19 richtiges Fortschreiten wie in Urys Pastellen ist beispiellos in der neueren Kunst. Vor anderthalb Jahren setzte ein auf den ersten Blick befremdlicher Umschwung ein. Einige der Pastelle muteten hart und grell an, sie fuhren wie Trompetenstösse in den lyrischen Schmelz und in das zarte Seelentimbre, das bislang in diesem einzigartigen Bereich den Ton angab. Das war so etwas wie ein erstes Kriseln. Gleich hinterher aber wurde verständlich, wohin der Künstler zielte. Auf die lyrische Periode der dreissiger Jahre will nun ein Höheres und Reiferes und Ernsteres folgen, eben die menschliche Kulmination, die gewöhnlich das Werk der vierziger Jahre ist und zwei Jahrzehnte andauert, eine Epoche, in welcher der Künstler die letzten Konsequenzen aus seinen ebenmässig gereiften Kräften zieht. In den neuesten Thüringer Landschaften pulsiert ein Zug des Strengen, Erhabenen, herb Gewaltigen. Hier ist es nicht allein das Schwärmen und Träumen am Saum der Abendröte, ein pantheistisch seliges Zerfliessen im All, hier betätigt sich die Schöpferfaust des Formens und Gestaltens ins Uebermenschliche, ins Ewige hinein. Wohl sind das immer noch echt Thüringer Berge und Täler, die man als solche auf den ersten Blick wieder erkennt, aber sie sind nicht mehr nach Menschenmass gemessen, durch ihre hellen Höhen und düsteren Tiefen, durch ihre Lichter und Schatten, Linien und Massen raunt ein Urewiges, LESSER TJRY. BERLIN. Studie zum Jeremias. LESSER TJRY. ZEICHNUNG. Studie zum Moses. dämmert das Schöpferwort des Demiurgos, der die Gipfel aus dem Schoss des Chaos emporhob und sie mit Macht und Herrlichkeit umkleidete. Man hat das Gefühl, dass ein Giotto heute so und nicht anders die Berge malen würde. Aus den neuesten Pastellen wird auch zu entnehmen sein, welchen Weg Urys Monumentalkunst einschlagen dürfte, wenn ihm Raum zu grossen Taten gegeben würde. Hat Israels Gewaltigster sich die Arme stützen lassen durch Aaron und Hur, um die Gunst des Himmels herabzuzwingen, so wäre es ein Unding, von einem auf sich allein gestellten Maler zu verlangen, dass er Riesenaufgaben ins Blaue und Leere hinein unternähme. Seit drei Jahren hat Ury den Weg in die Oeffentlichkeit gemieden, weil ihm damals weder Verständnis noch Wohlwollen entgegenkam. Halb aus Schmerz, halb aus Zorn schuf er dann den Moses, der vom Berg herabkommt und in den Tanz um das goldene Kalb die Gesetzestafeln hineinschmettert. Aber der Glaube an seine Ideale und an seine Zeit richtete ihn wieder aus der verbitterten Düsternis empor. Mit einer sonnenhellen Zuversicht ging er an ein neues Werk, an den David-Entwurf, der etwas überraschend Plelles, Freudiges, Glaubensstarkes im Wesen Urys ans Licht stellt. Gross im Vordergrund leuchtet der Idealkopf des königlichen Hirtenknaben. Er leuchtet wahrhaft wie die aufgehende Sonne. Auf dem klaren jugendschönen Angesicht liegen die Weihen des Gebets und des Glaubens an seine und seines Volkes Bestimmung gebreitet. Seit langem ist kein so er-

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