Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Philosophie der Zerstreuung
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 5)
- Language
- German
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15 A. ßenesra: Philosophie der Zerstreuung. 16 die fern voneinander wohnen, können nicht die Träger eines kräftigen, sich entwickelnden religiösen Gemeinwesens sein, sie können sich nicht zur gedeihlichen Förderung gemeinsamer Kulturinleressen verbinden; sie sind ohnmächtig, sich gegen Angriffe jeder Art von aussenhcr zu wehren, ihre Rechte zu verteidigen oder zu erkämpfen. Der natürliche Zusammenhang zwischen einer Bevölkerung, die derart ohne einigende Zentren über weite Länder verteilt ist, muss mit der Zeit immer schwächer und schwächer werden, bis er ganz erlischt. Sicherlich ein erstrebenswertes Ziel für alle diejenigen, die den Untergang des jüdischen Volkes sehnlich herbeiwünschen. Sind wir denn aber tatsächlich in wirtschaftlicher Beziehung so inferior, so unproduktiv, dass die Länder der Erde zu eng sind, um grössere Massen von uns zu ertragen, und dass wir, wenn wir neue Heimstätten aufsuchen, uns durch zwölf Tore einschleichen müssen, um uns alsbald in alle Richtungen zu zerstreuen, und nur keine grösseren Anhäufungen zu bilden? Es verlohnt sich nicht, auf diese Ansichten, die nur im Munde unserer Feinde einen Sinn haben, ernstlich einzugehen. Wie kommt es aber, dass wir selber uns bei der Fürsorge für unsere östlichen Brüder von ihr leiten lassen? Das beruht auf einen Sehfehler, der unserer flüchtigen und oberflächlichen Beobachtung der Dinge entspringt. Nicht räumlich sind die Juden im Oiient und auch im östlichen Europa zusammengepfercht, sondern beruflich. Sie sind ihrer zuviel nicht in einem Lande, sondern in bestimmten Erwerbszweigen. Jahrhundertelang andauernde Verhältnisse, auf die sie nicht den geringsten EinfLuss hatten, haben sie einseitig auf bestimmte begrenzte Gebiete der xVrbeit beschränkt, die zu erweitern und fruchtbarer zu gestalten, aber auch aus denen herauszukommen politische Rechtlosigkeit und ökonomische Abhängigkeit ihnen lange Zeit unmöglich machten. Was ihnen zunächst nottut, ist mithin eine Vervielfältigung und Erweiterung ihrer beruflichen Tätigkeit, eine Eröffnung neuer Arbeitszweige, eine Erschliessung neuer Erwerbsgebiete. Nicht in neue Länder müssen sie LESSER URY. Junges Mädchen. (Besitzer: Direktor Dr. O. Bralim, Berlin.) übergeführt werden, sondern in neue, ihnen bis dahin verschlossene Reiche des wirtschaftlichen Schaffens. Wenn tausend Juden in einer bestimmten Gegend Kleinhandel treiben, so sind ihrer zu viel. AVenn aber hunderttausend in allen Gebieten des ökonomischen Lebens die ihren Fähigkeiten und ihrer Leistungskraft entsprechende Verwendung gefunden haben, so sind ihrer zu wenig. Denn dem natürlichen Wachstum eines derart gegliederten Organismus sind keine Grenzen gesetzt. Nicht Zerstreuung und Auflösung, sondern Differenzierung und Organisation sind es also, die ihnen not tun. Und was wir, die Glücklicheren und Reiferen, ihnen bringen müssen, wenn uns anders ihr Wohl aufrichtig am Herzen liegt, ist: die Erziehung zur Selbständigkeit. Wir müssen endlich aufhören, sie ewig zu bevormunden und zu „beschützen", wir müssen in ihnen den Sinn für Selbsthilfe und Selbstorganisation erwecken. Nicht milde Gaben sind es, die sie brauchen, und die ihnen helfen können, sondern die Anleitung zur gemeinsamen Arbeit und zum ökonomischen und sozialen Denken, welches sie lehren soll, ihr Schicksal in ihre eigene Hand zu nehmen. Aus der gegenwärtigen sozialen Weltlage resultiert ein Drang nach dem industriell und kommerziell hoch entwickelten kontinentalen und überseeischen Westen, der die Auswanderung anzieht. Dieser Drang ist nicht einzudämmen, wohl aber kann er reguliert werden. Die Auswanderer müssen vor Ausbeutung geschützt und ihr Strom dorthin gelenkt werden, wo sie es nicht nötig haben, gleichsam zu verdunsten und in nichts zu zerfliessen, sondern sich zu grösseren, aber wohldifferenzierten, sozial und ökowesen zusammenschliessen können. In der alten wie in der neuen Heimat muss aber jegliche Arbeit darauf gerichtet sein, die enormen im jüdischen Volke schlummernden ökonomischen und kulturellen Kräfte nicht durch Zerbröckefung des Volkskörpers zu vernichten und aufzulösen, sondern durch Zusammenschluss zu wecken und zu entfalten. Zu unserem eignen Heil und zum Heil der Welt. OELGEM. (1884).