Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 5 (1905)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1905)
- Article
- Zur jüdischen Volkskunde
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 3 - 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Zur jüdischen Volkskunde. 4 überaus reiches Material zu einem systematischen wissenschaftlichen Betrieb der Volkskunde herbeigeschafft und in eigens hierzu bestimmten Organen der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht. Imponierend ist die Zahl und der Umfang der Sammlungen von Volksliedern, Melodien, Sprichwörtern, Sagen und Märchen, der Darstellungen von.'Volkstrachten, Volksbräuchen und Sitten, der Volksmedizin, des Volksglaubens, in denen sich die Weltanschauung, die Lebensweise und die Seele des Volkes spiegeln. Nur wir Juden sind auf beschämende Weise in dieser Beziehung im Rückstände geblieben. Es ist höchste Zeit, dass auch wir endlich an die Arbeit gehen. Das erscheint um so mehr dringend geboten, als kein Volkstum der Welt so sehr der umgestaltenden, zerstörenden Wirkung der modernen Zeit und der von ihr hervorgebrachten neuen Lebensformen ausgesetzt ist, wie das jüdische. Während politische Unterdrückung und wirtschaftliche Not Hunderttausende aus ihren uralten Heimstätten verdrängen und sie antreiben, in weiter Ferne, in einer unbekannten, fremdartigen Umgebung die schwanken Zelte aufzurichten, tun auch in der alten Heimat die naturnotwendigen Umwälzungen ökonomischer und kultureller Art und die dadurch bedingte und erzwungene Anpassung an die eherne Gewalt der Umstände das ihrige, um die alten und hergebrachten Lebensformen, Ueberlieferungen und Anschauungen zu verdrängen, oder von Grund aus umzugestalten und ihnen ein völlig neuartiges Gepräge aufzudrücken. Dem gesamten Inhalt der volkstümlichen Schöpfungen, j ener unschätzbarenDokumente der Phantasie, des Gemüts und der Denkweise des Volkes während einer ganzen langen Periode, droht also Vernichtung und Vergessenheit, insofern sie nicht rechtzeitig literarisch festgehalten und der wissenschaftlichen Behandlung anheimgestellt werden. Können wir ja täglich beobachten, dass schon die Sprache der Vorfahren der nächsten Generation fremd und fremder, ja ganz unverständlich wird. Wie sollen nun die in dieser Sprache geprägten Produkte des Volksgeistes auf die Dauer vor dem Unter gange bewahrt bleiben? Wir können und dürfen aber auch nicht erwarten, dass etwa Regierungen, Behörden und gelehrte Körperschaften sich der jüdischen Volkskunde annehmen. Wir sind hierin, wie auch sonst in allem und jedem, auf uns selbst angewiesen. Aber es ist auch in erster Reihe unsere Aufgabe, ja unsere Ehrenpflicht, ein Gebot unserer nationalen Würde und unseres Selbstbewusstseins, hier selber Hand anzulegen. Darum rufen wir hiermit den weiten, über alle von Juden bewohnten Länder verbreiteten Kreis unserer geschätzten Leser zur Arbeit aui. Es handelt sich zunächst um das Sammeln und Herbeischaffen von Material. Und hierzu ist jeder Gebildete, der Sinn und Verständnis für die Weise und das Leben des Volkes hat, berufen. Es handelt sich um das Beobachten und Verzeichnen der Sitten und Volksbräuche als: Hochzeitsbräuche (Verlobung, Brautgeschenke, Hochzeit, Scheidung, Chalizah), Sitten und Bräuche, die das Kind, dessen Geburt, Wartung, Schutz vor Dämonen und Pflege betreffen, Trauerbräuche (letzte Stunden, Tod, Begräbnis, Trauer, Friedhof). Um die vom religiösen Ritual vorgeschriebenen und streng beobachteten Bräuche und neben ihnen haben sich im Verlaufe der Zeit eine Menge lediglich in der Volkssitfe wurzelnde Praktiken und Vorstellungen herausgebildet, deren möglichst genaue Beobachtung und Beschreibung von grosser Wichtigkeit ist. Besonders in betreff der Hochzeitsbräuche wird sieb alsbald, in der auf den bevorstehenden Sabbat Schirah folgenden Woche, wo viele Hochzeitsfeste gefeiert werden, unseren Lesern in allen Ländern reichlich Gelegenheit bieten, Beobachtungen anzustellen und Aufzeichnungen zu machen. Wir bitten, diese Gelegenheit nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Es sind ferner lokale Bräuche, die sich auf einzelne Feste, Fasttage usw. beziehen, nicht zu vernachlässigen. Wichtig ist ferner die Volkspoe sie in allen ihren Verzweigungen, also: Sagen und Märchen. Hierbei sind die noch nicht niedergeschriebenen chassidisehen Wundersagen und Erzählungen besonders zu berücksichtigen, ferner Sagen, die sich auf bekannte historische Persönlichkeiten oder historische Lokalitäten und Städte beziehen.