Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1904)
- Article
- Eliah, der Prophet
- Date
- 1904-12-01
- Page
- Seite 815 - 816 (sequence 5)
- Language
- German
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815 Bar-Ami: Eliah, der Prophet. 816hinab. Da begannen sie zu beten und Busse zu tun und kamen endlich hinüber. Nun fing die Wanderung durch den Vorhof der Hölle an. Aber hier war es so finster, dass man die Finsternis mit den Händen fassen konnte. Nur die aus dem Paradiese mitgebrachte Handvoll Licht erhellte ihnen ein wenig den Weg. Nach langer Wanderung erblickten sie endlich die Höhle, wo der Jezer-hara seine Behausung hatte. Es war keine leichte Sache, den Geist des Bösen, der die Gestalt eines Hundes hatte, zu fangen und in Ketten zu schlagen. Lange mussten sie ihn umlagern und mit ihm ringen und alle mögliche Kriegslist anwenden, bis sie ihn bezwangen. Und wenn ihnen das gelang, so nur dank dem Stabe E'iah's, des Propheten, und dem Umstand, dass sie infolge des langen Fastens, der Kasteiungen und des unablässigen Studiums der Thorah von jeglicher Schwächlichkeit des Leibes befreit und gereinigt waren. Frohlockend traten sie den Rückweg an, um mit Eliahs zusammenzutreffen, der sie erwartete. Nun sollte Messias nicht mehr lange auf sich warten lassen. Den Jezer-hara in der Gestalt eines Hundes schleppten sie mit sich an der Kette. Eingedenk der Warnung des Propheten, reichten sie dem Hunde keine Nahrung sondern Hessen ihn darben. Der Hund heulte und winselte, aber es half nichts, er bat und leckte ihnen die Hände, aber vergebens. Obgleich ihnen seine Qualen leid taten, so gedachten sie doch der Worte Eliahs, dass von ihrer Standhaftigkeit der Erfolg der ganzen Sache abhänge. Der Jczer-hara aber verfiel auf ein wirksames Mittel. Er fing an, muntere Stücklein zu zeigen, ■ lustige und komische Einfälle zu erzählen und sich in die verschiedensten seltsamen Gestalten zu verwandeln. Dadurch wurden seine Peiniger fröhlich gestimmt, fingen an zu lachen und lachten immer mehr. Aber mitten in dieser Heiterkeit konnten sie seinen Bitten nicht länger widerstehen und reichten ihm einen Bissen Nahrung. Auf der Stelle riss der Hund sich los und verschwand. Nun war alles aus. Die beiden Freunde fingen an zu weinen und zu klagen. „So viel haben wir uns gemüht, so viel gelitten, und alles war vergebens!* Aus Verzweiflung taufte sich der eine und der andere nahm sich das Leben. Den Schluss möge eine hübsche humoristische Erzählung bilden: In einer Stadt lebte einmal ein reicher Mann, der hochmütig und harten Herzens war. Er war wohltätig, aber nur dann, wenn er sicher war, dass man seine Freigebigkeit an die grosse Glocke hängen würde; wenn er ein Almosen gab, demütigte er den Empfänger derart, dass es diesem lieber war, nichts zu bekommen, um nur die Spottreden und Sticheleien des harten Geizhalses nicht über sich ergehen lassen zu müssen. Eliah, der Prophet, beschloss, diesemManne eine Lektion zu erteilen. Er verkleidete sich als Darschan,1) kam :) Wanderpiediger. nach jener Stadt und erwirkte sich beim Ortsrabbiner die Erlaubnis, am Sabbat nachmittag zu predigen. Die Predigt war sehr erbaulich und voll neuer Lehren, die Hörer verliessen die Synagoge ganz entzückt. Und in alten Zeiten war es üblich, dass der Darschan am Sonntag in Begleitung einiger angesehenen Männer den reichen Bürgern Besuche abstattete und Geldgaben sammelte. Das tat auch der Prophet Eliah, und unter anderen besuchte er auch den geizigen Reichen. Dieser sprach: „Deine Predigt, Rabbi, hat mich förmlich bezaubert, ich bin bereit, Dich reich zu belohnen, wie das meine Gewohnheit ist" (er nahm eine Handvoll Dukaten aus der Tasche); „es ist ja bekannt, dass ich gottlob der reichste und freigebigste Mann in der ganzen Umgegend bin." (Die Anwesenden nickten beifällig.) „Aber," fuhr der Geizhalz fort, „zuvor musst Du mir ein Rätsel lösen, worüber ich mir schon lange den Kopf zerbreche. Sage mir nämlich, warum ihr gelehrten, feinen Leute solche arme Teufel seid, dass, wenn wir Euch nicht unterstützten, Ihr elendiglich zugrunde gehen müsstet?" „Das will ich Dir gleich erklären," antwortete der Prophet, „aber ich muss Dir zuvor ein Geschichtchen erzählen: In einem Dorfe war einmal ein Wirtshauspächter, ein sehr einfacher Mann, weder gelehrt noch klug, und dazu arm, daher machte sich niemand etwas aus ihm, wie das in der Welt bisweilen vorkommen soll. So oft er nach der Stadt kam und in die Synagoge ging, musste er bei der Tür stehen, da der Schamas von ihm keine Gabe erhoffte. Der Mann war an diese Behandlung gewöhnt und ärgerte sich darüber nicht. Eines Tages setzte er in die Lotterie und machte einen grossen Treffer. Davon erfuhr man natürlich sofort in der ganzen Umgegend, und sofort wurde die Behandlung, die man dem Manne angedeihen liess, eine andere. Wenn er in die Stadt kam, neigte jeder vor ihm das Haupt mit der grössten Hochachtung; wenn er in die Synagoge kam, führte ihn der Schamas auf den vornehmsten Platz an der Ostwand; mit einem Worte, alle trugen ihn auf Händen, dass der Pächter sich vor Verwunderung nicht zu fassen wusste. Daheim sann er lange gemeinsam mit seiner Frau über diese seltsame Wandlung nach. „Was kann das sein, dass seit einiger Zeit die Leute so liebenswürdig und fein zu mir sind? An mir hat sich ja nichts geändert, ich bin weder gelehrter noch klüger geworden als vorhin, und doch haben die Leute angefangen, mich zu ehren und zu schätzen." „Lange zerbrachen sich die beiden die Köpfe darüber, endlich sagte die Frau: „Weisst Du was, Mann, vielleicht ehrt man Dich ietzt so sehr, weil Du Geld hast?" Dem Mann ging ein Licht auf. „Du hast recht, Frau, das ist nicht anders, nur des Geldes wegen bezeigt man mir jetzt so viel Ehre.