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Ost und West · 1904-11-01 · Heft 11 (November 1904) · p. Seite 767 - 768

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 11 (November 1904)
Article
Dr. Moses Samuel Zuckermandel [Illustration]
Date
1904-11-01
Page
Seite 767 - 768 (sequence 1)
Language
German
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767 Briefe aus dem Breslauer Seminar von 1856 bis 1861 von Joseph Perles. 768 Dr. Moses Samuel Zuckermandel Stiftsrabbiner in Breslau, geb. 1836, im Seminar 1856—64. heilige Lehre, der von vielen eine, mit keinem anderen Wissenszweige vereinbarte Sonderstellung eingeräumt wurde, und die man durch Annäherung an die Wissenschaft ganz aufgeben zu müssen glaubte, dass die heilige Lehre, sage ich, im Gegenteile in dieser Verschmelzung nicht zu einer verkümmerten, unkenntlichen Zwitterbildung zusammenschrumpft, sondern vielmehr durch die dem Borne der Neuzeit entquellende Wissensströme ein breiteres, uferloses, durch keine Brücke eingeengtes Bett gewinnt, dass sie durch das ihr aufgedrückte, neumodische Gepräge ihr Relief, ihre Hypostasierung erhält. Wenn auch durch die Verbindung der beiden Elemente zu einem organischen Ganzen die Aufgabe des jüdischen Seelsorgers bedeutend erschwert wird, indem derselbe seine Kräfte nach mehreren Richtungen verteilen, seine Aufmerksamkeit verschiedenen Gebieten zuwenden muss — wird sich der strebsame, von der Heiligkeit seines Berufes begeisterte, von seiner Aufgabe ganz erfüllte Mann abschrecken lassen? Ich behaupte: „Nein" für mich und viele andere, die meine Gesinnung teilen. Diese scheinbaren, vor der siegreichen Sonne der Wahrheit in Nebel zerfliessenden Schwierigkeiten dienen nur dazu, die Spannkraft des Geistes zu erhöhen und im allgemeinen eine freiere Kraftentfaltung hervorzurufen. Ich stelle aber noch eine andere, ebenso wabre Behauptung auf. Ein in diesem Bewusstsein genährter, am Tau des Gotteswortes und der „Weltweisheit" sich" gleichzeitig labender Mann wird nicht gleich jenen hochmütigen, am Lebensmarke des Judentums zehrenden Baalspfaffen vor dem Mammon sein Knie beugen, er wird nicht seiner Gemeinde die in seinem Gehirne entsprungenen Ideen vorlegen und sprechen: „Dies sind Deine Götter, Israel!" — nein, er wird, durch keine materielle Rücksicht gefesselt, nur das wahrhaft Göttliche als solches verkünden, in freimütiger Sprache das mit frecher Stirne einherschreitende, in Samt und Seide gekleidete Laster geissein und wieder die im Verborgenen wirkende, in Lumpen gehüllte Tugend ans Tageslicht ziehen. Solcher Männer ist Israel bedürftig, und sie können nur durch die Wissenschaft herangebildet werden; darum keine Werkheiligkeit, darum keine der Wissenschaft entfremdete, ihr feindlich gegenüberstehende Scheinfrömmigkeit; aber auch keine Wissenschaft ohne Religion, ohne den auf dem Boden des alten Judentums fussenden positiven Glauben, da eine solche Wissenschaft nur ein Aggregat von unhaltbaren, der Begründung entbehrenden Ansichten sein kann. Es gibt keine wissensstü^mende Religion und keine glaubensstürmende Wissenschaft!..... Breslau, den 18. April 1856. Wertester Freund! Lass mich den in Deinem letzten, mich freudig überraschenden Briefe berührten Punkt mit Stillschweigen übergehen; bei einer näheren Erörterung möchte ich, der, wo es sich um die Wahrheit handelt, seiner Sprache nicht gern Fesseln anlegt, zu weit gehen. Ich bin vielmehr gesonnen, in vor- Dr. Abraham Lewinsky Landrabbiner in Hildesheim, geb. 1866, im Seminar 1884—91. liegenden Zeilen ein ganz anderes Thema zu behandeln und Dir durch eine gedrängte historische Uebersicht die Ignoranz, oder besser, dieVerstocktheit, den Undank derjenigen unserer Glaubensbrüder darzutun, die in das vom Lager der Feinde herüberschallende Geschrei, es habe nie eine selbständige jüdische Literatur gegeben, mit einstimmen. Um jedoch die dem Epistolographen vorgeschriebenen Grenzen nicht zu überschreiten, will ich mich so kurz als möglich fassen und aus der Rüstkammer der Geschichte nur diejenigen Tatsachen aufnehmen, die zur Beweisführung unumgänglich notwendig sind. Die hebräische Literatur ist die älteste in der Geschichte, ihre Uranfänge sind dort zu suchen, wo das Dämmerlicht der Sagenwelt vor den ersten Strahlen der unbezweifelten, historischen Erzählung verschwindet, wo die phantastischen Gebilde des Mythos zurücktreten und geschichtlichen Personen den Platz einräumen. In dem Buche der Bücher, der Bibel, erblicken wir die in geweihtem Boden entstandene Wurzel, die sieb mit den Propheten und Hagiographen zum umfangreichen Stamme gestaltet, in den nachexilischen Dichtern herrliche Blüten treibt und ihre Zweige bis in die Gegenwart sendet. Die Literatur blieb die unzertrennliche Begleiterin der jüdischen Nation durch alle Wechselfälle ihres bewegten Volkslebens. Auf dem heimatlichen Boden, in ungefährdeter Selbständigkeit verschmähten es die Könige Israels nicht, der stolzen Siegerkrone auf ihrem Haupte den bescheidenen Dichterkranz hinzuzufügen und in schwungreichen Poesien, den unübertroffenen Meisterwerken aller Zeiten, Gott, Religion und Tugend zu verherrlichen. Die Propheten, begeistert und begeisternd, legten in den anschaulichsten Bildern, in den lebhaftesten Schilderungen den tiefen Inhalt ihres weltumspannenden Gemütes zutage, indem sie bald in lieblichen, leise verklingenden Tönen das Morgenrot einer hoffnungsreichen Zukunft verkündeten, bald mit tiefer Entrüstung oder auch bitterem Spotte die Verkehrtheiten des entarteten Geschlechtes geisselten und vor der hereinbrechenden Nacht des Unglückes warnten. Das angedrohte Verhängnis ereilte rasch Israel. Es wurde seiner politischen Selbständigkeit beraubt, vom Heimatlande weg in die Verbannung geführt. Auch da verstummte nicht der Mund der Propheten. Den ahnungsreichen Blick gleichzeitig auf die grosse Vergangenheit und die stürmischeZukunft gerichtet, wehrten sie nicht .Dr Philipp Bloch j «Iii 1« i a Rabbiner der Bruder-Gemeinde in den unwillkürlichen AUS- Posen, geb. 18-U, im Seminar 1857-67.

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