Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Aus dem Leben des Prof. Dr. H. Graetz
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 763 - 764 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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763 Prof. L. Graetz: Aus dem Leben des Prof. H. Graetz. 764 Dr. Jacob Horowitz O bcrrabbiner i.Krefeld, s.1904 inRuhestand, geb. 1839, im-Seminar 1357—65. nicht nach, selbst als er das siebzigste Lebensjahr überschritten hatte. Er fühlte sich noch jung und war es auch. Arn Abend vor der Feier seines siebzigsten Geburtstages sagte er scherzend zu der jungen Tochter eines Freundes, die er sehr gern hatte: „Fannjp, heute wollen wir noch einmal recht lustig sein, denn morgen beginnt das Greisen- Dr. Samuel Kohn Rabbiner in Budapest, geb. 1840, im Seminar 1858-67. alter." Die erste wirkliche Krankheit ergriff ihn im Jahre 1890, eine Rippenfellentzündung, von der ersieh zwar rasch erholte, die aber dennoch ein Vorbote seines Todes war. Im folgenden Jahr — er hatte während der ganzen Zeit an dem Werk gearbeitet, das ihn viele Jahre hindurch fortdauernd beschäftigte und dem er eine sehr grosse Bedeutung zuschrieb — Ernendationes in plerosque sanetae scripturae libros —, ging er, wie gewöhnlich, Anfang August mit meiner Mutter nach Karlsbad, in der Absicht, nach seiner Kur mich und meine Familie in München zu besuchen. In Karlsbad aber traf ihn, während eines kleinen Spazierganges, plötzlich ein Schlaganfall. Er wurde von Freunden bewusstlos auf einer Bank sitzend gefunden. Man brachte ihn rasch nadh Bause,. und den eilig hinzukommenden Aerzten gelang es, ihn durch Kampferinjektionen wieder zum Bewusstsein zu bringen. Auf telegraphische Nachricht eilte ich zu ihm und fand ihn am nächsten Mittag ganz wohl, über den kleinen Unfall scherzend und die dummen Zufälle, die mit dem Alter verbunden seien, voller Humor belachend. Von der Gefährlichkeit des Anfalls hatte er keine Ahnung. Obwohl mir die Aerzte dringend rieten, ihn nicht nach München, sondern nach Hause reisen zu lassen, da ein solcher Anfall sich wiederholen könne, konnte ich ihn nicht dazu bewegen, Dr. Jacob Guttmann Rabbiner in Breslau, geb. 1845, im Seminar 1858—67. wenn ich ihn nicht durch die Gefahr erschrecken wollte. Er hatte sich auf die Reise nach München gefreut, wollte auch noch Reichenhall besuchen und erklärte, er sei jetzt wieder ganz wohl, der ganze Unfall habe nichts zu bedeuten. Auch war er sofort wieder mit seinem Werk beschäftigt, erzählte mir vieles, was er gefunden habe, und schien so frisch, dass die Aerzte, obwohl mit Bedenken, schliesslich die Reise nach München erlaubten. Bei mir angekommen, war er sehr heiterer Stimmung, freute sich mit meiner Frau und mit meinen Kindern, fühlte aber Schmerzen in den Füssen, die ihn auch am Ausgehen verhinderten. Mein Arzt verhehlte mir nicht, dass dies ein sehr bedenkliches Zeichen sei (es war Arterienverkalkung), aber da er geistig unverändert rege war und die kleinen Beschwerden kaum beachtete, so ahnten wir doch nicht, dass das Ende so nahe bevorstehe. Am letzten Abend unterhielt er sich noch lustig mit uns, dann sprach er noch von seinem Werke, von dem ein Teil bereits gedruckt wurde, erklärte mir einige seiner Funde und begab sich nach 9 Uhr zur Ruhe. Aber gegen 12 Uhr weckte mich meine Mutter. Er war aus dem Schlaf aufgewacht, hatte Atembeschwerden bekommen, die Brust schmerzte ihn und er war sehr unruhig, wollte aufstehen und stöhnte viel. Der rasch herbeigerufene Arzt gab ihm einiges zur Linderung der Unruhe, das Stöhnen hörte auf und etwa zwei Stunden nach Beginn des Anfalls entschlief er sanft. Der Uebergang vom Leben zum Tode war fast unmerklich» Ohne wesentliche Krankheit, ohne langes Vorgelühl des Sterbens, nur geringe Schmerzen fühlend, so ist er mitten aus der Arbeit abgerufen worden, so ist er schön gestorben, wie er schön gelebt hatte. BRIEFE AUS DEM BRESLAUER SEMINAR VON 1856 BIS 1861 VON JOSEPH PERLES. Vo rbemerkung. Nachdruck verboten. Den folgenden Briefen meines sei. Mannes ein Geleitwort mitzugeben, wäre ein nutzloses Unterfangen. Wer dem Geiste, der sich darin ausspricht, nichts Verwandtes entgegenbringt, den werden sie fremdartig anmuten, was man auch zu ihrer Würdigung vorbrächte. Wem aber Geist von seinem Geiste innewohnt, der wird nicht ohne tiefe Ergriffenheit in dem Werdenden, in dem Zwanzigjährigen schon alle spätere Hoheit und Charakterschönheit im Keime vorgezeichnet finden; er wird hier mit Interesse, ja mit Rührung den Anfang einer Entwicklung wahrnehmen,