Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 11 (November 1904)
- Article
- Aus dem Leben des Prof. Dr. H. Graetz
- Date
- 1904-11-01
- Page
- Seite 757 - 758 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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757 Prof. L. Graetz: Aus dem Leben des Prof. H. Graetz. 758 über den er sich so amüsierte und freute, dass er bei Tisch oft davon erzählte und dass er sogar versuchte, uns Kindern das Verständnis lür die politischen Witze und Karikaturen durch Erklärung beizubringen. Ich wenigstens erfuhr als 7jähriges Kind von ihm zuerst die Bedeutung des Mannes mit den drei Haaren und die Bedeutung des stets gross geschriebenen ER (Napoleon der Dritte). Die belletristischen und literarischen Journale wurden in Breslau damals durch einen Lesezirkel den Abonnenten zugänglich gemacht. Unter diesenjournalen bevorzugte er durchaus die Revue de deux mondes. Während er bei den anderen Zeitschriften keinen Wert darauf legte, ob er die Kümmern etwas früher oder später zu Gesicht bekam, drang er stets darauf, die Revue sofort nach Erscheinen zu erhalten. Die Lektüre derselben bereitete ihm sehr grossen Genuss, sowohl wegen der schönen französischen Sprache, die er sehr liebte,—er selbst sprach elegant und fliessend französisch und englisch — als wegen des vielseitigen und von hervorragenden Männern bearbeiteten Stoffes. Nach dem Mittagessen, bei dem er stets sehr heiter und gesprächig war, legte er sich auf eine Stunde hin, um zu schlafen und vorher oder nachher die Revue oder auch irgend ein anderes belletristisches Werk zu lesen. Neuere Romane von Professor Dr. 'Heinrich Graetz, der berühmteste jüdische Historiker, von 1854 bis 1891 Dozent am Seminar, geb. 31. Oktober 1815 in Xions (Prov. Posen), gest. 7. September 189L in München Bedeutung las er gerne und sprach oft sein Bedauern aus, dass er nicht im stände sei, etwas derartiges zu schaffen. Der Nachmittagsschlaf war ihm nach der kurzen Nachtruhe ein wesentliches Bedürfnis für seine geistige Frische. Nach der Siesta bis gegen 5 Uhr des Nachmittags erledigte er dann seine sehr umfangreiche Korrespondenz, die sich zuweilen so steigerte, dass er bis 20 Briete hintereinander schrieb. Diese Nachmittagsstunden waren auch als Sprechstunden für die Studenten festgesetzt, sowie für alle diejenigen, welche Anliegen an ihn hatten. , Gegen Abend folgte ein Spaziergang um die Promenade der Stadt, den er selten unterliess. Aul diesem Spaziergang liebte er es meistenteils allein zu sein,nur selten forderte er meine Mutter oder eines von uns Kindern zur Begleitung auf. Während dieses Ganges überdachte er gewöhnlich seine Arbeiten, auf dem Wegefielen ihm häufig neue Gesichtspunkte ein, und es kam oft vor, dass er beim Zurückkehren sofort eine Menge Bücher nachschlug und verglich, um sogleich die neuenLieen zu prüfen. Wenn er so in seine Studien vertieft dasass, bei der Lampe, kam es sehr häufig vor, dass meine Mutter oder wir ihn acht- bis zehnmal zum Abendessen holen wollten, ohne dass er unsere Aufforderung wirklich hörte. In diesem Fall blieb nichts übrig, als ihn ruhig bei der Arbeit zu lassen,