Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Revue der Presse
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 725 - 726 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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725 Revue der Presse. 726 feste Basis herstellt für eine gedeihliche Lehensarbeit. Und in seiner Beschränktheit, die es unfähig macht, aus den Irrungen und Wirrungen herauszutreten, wird solch ein bedauernswertes Individuum die eigene Zerrissenheit in die Umwelt hinausprojizieren, und wie gewisse Geistesgestörte ehrlich glauben, alle anderen Leute seien von demselben Leiden angesteckt, alle sehnten sich ebenso nach dem „Untertauchen" ... Das war das einzige, was in dem besagten Artikel in der „Zukunft" dem aufmerksamen Leser einiges Interesse abgewinnen mochte. Der eigentliche „Gedankengang" war hohl und seicht, seine Imbezillität und Unbeholfenheit stand in schreiendem Widerspruch zu der gewandten, auf die Sensationslust des Publikums geschickt spekulierenden Form. Diese Form, wie auch der Umstand, dass das Elaborat in einer verbreiteten Wochenschrift erschien, war es, welches die jüdische Publizistik glauben machte, hier täte eine „Abwehr" not. Zahlreiche jüdische Organe brachten denn auch Entgegnungen. Herr Maximilian Harden, der bekannte Herausgeber der „Zukunft", nannte das, taktvoll und zart, wie immer, wenn er von den Juden spricht: „das Wutgeheul in der Judenheit." Sogar zwei tüchtige jüdische Gelehrte hielten es für notwendig-, auf die Arena niederzusteigen um mit dem Angreifer die Klinge zu kreuzen. Als sie ihn sich näher besahen, merkten sie freilich gleich, dass sie nichts mit ihm anzufangen hatten. Man kann ja nur mit einem Gegner polemisieren, der mit aus dem Wesen der Sache entlehnten Argumenten streitet. Was soll man aber einem Manne erwidern, der da behauptet, das Judentum verwerfe jede Logik und Aesthetik und betone einseitig die Ethik — und darum müsse es vom Erdboden verschwinden? Weil die jüdische Lehre mit aller Strenge und Unbeugsamkeit die Forderungen des Gewissens durchzusetzen strebt, dem trockenen Raisonnement des kalten Verstandes und dem hohlen äusseren Schein zum Trotz, auch dort, wo es „schön" ist, soll es dem Untergange geweiht sein! War es nicht gerade dieser ungeheure Vorzug, der das Judentum davor bewahrte, in advokatische Sophisterei auszuarten oder sich in ästhetisierende Gefühlsduselei zu verflüchtigen, dem es verdankt, dass es nie aufgehört hat, eine tiefe und ernste Angelegenheit seiner Bekenner zu sein? Andererseits gehört entweder Stumpfheit dazu, um die ästhetischen Werte, die das Judentum sozusagen als Nebenprodukte von den Zeiten der Bibel bis auf den heutigen Tag hervorzubringen nie aufgehört hat, nicht zu geniessen, oder aber, es gehört völlige Unkenntnis des Tatbestandes dazu, die von der Existenz dieser Werte keine Ahnung hat. Was soll man ferner einem Menschen entgegenhalten, der auf das Judentum die Prinzipien der Geschäftswelt anwendet und es als ein von Anbeginn „verfehltes Unternehmen" hinstellt, das nun endlich liquidieren oder Konkurs anmelden müsste? Ein Gemisch von frivolem Gerede und oberflächlichem Phrasentum. Wenn der Verfasser versicherte, er hätte in seiner Jugend das Cheder und das Bethamidrasch besucht, so rochen seine Ausführungen dagegen eher nach dem Cabaret und dem Kaffeehaus. So machten denn die meisten Erwiderungen den Eindruck, wie wenn jemand mit Kanonenkugeln auf eine Fledermaus schiesst. Man muss diese Polemiken als überflüssig und unser nicht würdig bedauern. Ist es nötig, dass ernste Männer sofort auf die Schanzen eilen, wenn irgend ein winziges Nagetierchen seine armen, schwachen Zähnchen fletscht, als ob es die Grundpfeiler des Judentums zerfressen könnte? Wann werden wir endlich das Stillschweigen der Verachtung lernen und derlei armseliges Gekläff mit der verdienten Geringschätzung behandeln, es gänzlich ignorieren, anstatt durch unnütze Polemik ihm künstlich zu einer Bedeutung zu verhelfen, nach der es sonst vergeblich streben würde? Man muss die Kanaille räsonnieren lassen. Derlei Artikel sind ja seit Jahren in Deutschland chronisch geworden — man denke an „Benediktus Lewita" und „Hartenau" — woraus aber keineswegs geschlossen werden darf, dass derartige Individuen heutzutage unter uns häufiger sind als je vordem. Es ist nur eine Folge der gesteigerten Schreibwut unserer Tage, des grösseren Sensationsbedürfnisses, infolge dessen unbedeutende Menschlein der Verlockung nicht widerstehen können, einmal im Leben sich wenigstens für eine Weile wichtig zu machen. Interessant ist nur, dass alle diese Artikelschreiber sich hinter einem Pseudonym verstecken. Der neueste Held dieser Sorte hüllte sich in das Pseudonym eines Dr. Elias Jakob und verkroch sich bis weit hinten nach Lemberg, wo ihn sicher niemand gesucht hätte. Wie gross war nun das Staunen zunächst der Polemiker, die gegen ihn in gelehrter Rüstung zu Felde zogen, als es sich herausstellte, dass in der Haut des Doktor Jakob ein gewisser Dr. Fromer, Aufseher der Berliner jüdischen Gemeindebibliothek, steckte. Was, der? Alle, die ihn kannten, wussten, dass er unfähig war, zehn lesbare Zeilen in irgend einer Sprache zu schreiben, dass er nie einen über Büchertitel und Monatsgehalt hinausgehenden Gedanken gehegt hatte. Alle Besucher der Bibliothek waren von seiner vollkommenen Einfallt und Harmlosigkeit überzeugt und wunderten sich nur, dass ein Mann mit so minimalen Kenntnissen der jüdischen Literatur hier Bibliothekar sein konnte, aber dieses Rätsel fand seine Erklärung darin, dass ja die eigentliche Verwaltung der Bibliothek in den Händen einer Kommission von bewährten Fachmännern ruhte, auf die man sich getrost verlassen konnte, und dieser Bibliothekar nur die Bücherbestände und den Zettelkatalog in Ordnung zu halten hatte. Er brauchte also nur kein Analphabet zu sein. Mehr verlangte man von ihm nicht. Aber wie sollte der einen Artikel geschrieben haben? Am meisten fühlten sich die Polemiker beleidigt, die sich hatten täuschen lassen und gegen einen solchen Kämpfer einen ernsthaften Feldzug unternahmen. Das drolligste war, sich diesen armen Teufel, der sich die Bücher stets nur von hinten ansah, dessen Horizont nicht über Witzblätter hinausging, als schönheitstrunkenen Sybariten zu denken, der das Judentum verwarf, weil es seinen unersättlichen ästhetischen Bedürfnissen keine Befriedigung gewährte. Als daher ein kleines hiesiges Blättchen, welches in der intelligenten Lesewelt wenig bekannt ist, die Enthüllung brachte, vermutete jedermann dahinter einen persönlichen Racheakt oder einen Trick zum Zweck des Abonnentenfangs, und es ist nur zu begreiflich, dass die Bibliothekskommission die von solcher Seite ausgehende Revelation anfänglich ignorierte. Es ist auch begreiflich, dass man von anderer Seite dem, wie man überzeugt war, fälschlich Angegriffenen behilflich sein wollte, seine Unschuld zu erweisen: „Wir wissen ja, Herr Doktor, dass Schreiben und Lesen nie Ihr Fach gewesen. Es kann nur ein Irrtum sein, wenn man Sie der Urheberschaft irgend eines Artikels bezichtigt. Wohlan denn, zwingen Sie Ihre Verleumder zum Widerruf!" Aber nein, es war diesmal keine Lüge, keine Verleumdung. Dieser arme Dr. Fromer war, so rätselhaft das schien, wirklich für den besagten Artikel verantwortlich, obgleich sein „geistiger" Anteil daran nur höchst minimal war. Von der Gesinnung, die darin zum Ausdruck