Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1904)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1904-10-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583928-2590740--04349-2590830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
653 Assimilation. 654 ökonomisch hoch genug steht. Nun ist diese Klasse selbst in Deutschland — von den osteuropäischen Ländern ganz zu schweigen — verhältnismässig numerisch zu schwach, um die Juden in sich aufzunehmen, sie ohne Rest zu assimilieren. Ueberdies ist gerade diese Klasse zumeist die Trägerin von nationalistischen, religiösen und Rassenvorurteilen 1!nd deshalb nur wenig geneigt, sich an die ihr zugemutete Operation heranzumachen. \ So bleibt denn die Assimilation, in ihrer bewussten und konsequenten Ausprägung, als soziales Programm in einem umfassenden Sinne betrachtet, ein leerer Schall. * Und doch ist Assimilation eine der wichtigsten Aufgaben des Judentums, eine Aufgabe, die es nie aufgehört zu erfüllen, und in deren Erfüllung sich sein Lebenstrieb am kräftigsten äusserte. ,; Aber eine ganz andere Assimilation als jene, von der bisher die Rede war. Es galt nicht, sich der Umwelt zu assimilieren, um sich in ihr aufzulösen und in ihr zu verschwinden, sondern es galt, die der eigenen organischen Entwickelung adäquaten und förderlichen Ideen und Lebensformen, die draussen entstanden, in sich aufzunehmen, gemäss der eigenen Tradition und im Geiste der eigenen Lehre zu verarbeiten, umzugestalten, zu einem Teil des eigenen Ich umzuprägen: sie sich zu assimilieren. Ein Prozess, der wesentlich der umgekehrte von dem ist, der vorhin behandelt wurde. So hat sich das Judentum allen grossen Kulturerscheinungen gegenüber verhalten, denen es auf seinem langen Lebenswege begegnet ist. Es besah sich die auf fremdem Boden erblühten Ideen genau, wählte mit gesundem Sinn diejenigen aus, die seinem inneren Wachstum, der Kräftigung seines Wesens gedeihlich waren. Diese verarbeitete es organisch mit seinem geistigen Inhalt so innig und tief, dass sie mit der Zeit zu einem integrierenden Bestandteil seiner Tradition, seines Ichs wurden. Es assimilierte nicht sich (se) der Umwelt, sondern das Beste der Umwelt assimilierte es sich (sibi). So erhöhte es stets seine Widerstandsfähigkeit, seine unverwüstliche Lebenskraft. So ging es unversehrt und gestählt aus allen Kulturkämpfen hervor. Nicht darauf beruht der Fortschritt der Welt, dass alle Völker und Stämme des Kulturkreises einander^ blindlings nachahmen, um einander ..• .-•■<■ ^v^. ° ähnlich zu werden, damit schliesslich alle Volks- •>V'«vwe*»'v \*. Individualitäten sich in einen öden, gleichmässigen, :?~;.,k.r , ~ o 1 undifferenzierten,' langweiligen Völkerbrei auflösen. Sondern darauf, dass jedes Volkstum unter Wahrung seiner Eigenart an dem Ausbau der grossen, weltbewegenden Ideen auf seine Weise -.jautarheitet, und so dem Weltbild eine neue Nuance, dem Völkerchor einen neuen Ton hinzufügt. Ebenso wie der Reichtum eines Volkes auf der Mannigfaltigkeit und der vollen individuellen Ausprägung seiner Einzelmenschen beruhC'so wächst auch der Reichtum einer Epoche, je differenzierter die verschiedenartig ausgeprägten Volksindividualitäten sind, die, nehmend und gebend, gemeinsam an ihrer Kultur mitarbeiten. Die Art, wie das jüdische Volk in seiner gesunden, lebensfähigen und lebensfreudigen Mehrheit sich der modernen Kultur gegenüber verhalten wird, ist somit vorgezeichnet. Es wird nicht an der Zerstörung und Vernichtung der eigenen Individualität arbeiten, sondern es wird diese mit dem Besten aus dem geistigen Gehalt der Epoche erfüllen. Es wird nicht dem Untergang zustreben, sondern sein Wesen durch Aufnahme und Assimilierun g der ihm förderlichen unter den Ideen der Gegenwart vertiefen und kräftigen und so ein selbstständiger Mitarbeiter an der Verwirklichung der grossen Ziele der Menschheit bleiben. Und ist das Verlangen nach nationaler Selbständigkeit, nach gesicherten Heimstätten auf eigenem Boden, von dem Millionen unseres Volkes beseelt sind, nicht das eklatante Beispiel der verständnisvollen Aneignung einer solchen modernen Idee, wie sie die meisten Kulturvölker der Gegenwart beherrscht? Nicht: ,Juden aller Länder, assimiliert euch!" wird unser Feldruf lauten, sondern: ,Juden aller Länder, arbeitet an der Entwickelung eures Volkstums."