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Ost und West · 1904-10-01 · Heft 10 (Oktober 1904) · p. Seite 651 - 652

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 10 (Oktober 1904)
Article
Assimilation
Date
1904-10-01
Page
Seite 651 - 652 (sequence 6)
Language
German
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651 Assimilation. 652 die ihrigen, nur weil sie die Treue zum Judentum nicht verleugnen wollten. Und doch bildete bei keinem von beiden das spezifisch Religiöse den Mittelpunkt der geistigen Persönlichkeit. Spricht ein solches Beispiel nicht eine lautere und eindringlichere Sprache als der treulose Abfall von je einem Dutzend Commis-Voyageurs, Kommerzienräte oder gelehrter Streber? Während also die Frage, ob es wünschenswert sei, dass das Judentum untergehe, sich nicht auf Grund eines allgemeinen Prinzips beantworten lässt, sondern von jedem Individuum seinem Geschmack, seiner geistigen und sittlichen Höhe gemäss besonders entschieden wird, kann auf die andere Frage: ob es möglich sei, dass das Judentum in die Umwelt aufgehe, sehr wohl eine Antwort erteilt werden, oder besser: die Geschichte hat auf diese Frage bereits eine unzweideutige Antwort erteilt. Die Geschichte der letzten zweitausend Jahre. Während dieser Epoche ist das Judentum mit fünf mächtigen Kulturen in intime Berührung gekommen, ist von ihnen zum Teil umflutet worden. Die hellenistische, die mittelalterlichchristliche, die arabische, die spanische, die Kultur der Renaissance, die zum mindesten für die Juden Italiens und der Provence in Betracht kam. Diese Kulturen entfalteten zum Teil eine unwiderstehliche erobernde Gewalt. An ihnen haben hier und da einzelne Juden in hervorragender Weise mitgeschaffen. Und doch haben sie das Judentum nicht nur nicht aufgesogen, sondern dieses ist aus ihnen jedesmal gestärkt und geistig bereichert, vertieft und entwickelt hervorgegangen. Es hat aus ihnen neue Kraft gesogen, wie das übrigens von einem lebenskräftigen und vom Willen zum Leben beseelten Organismus gar nicht anders erwartet werden kann. Dabei sehen wir von dem blutigen, martervollen Vernichtungskrieg ab, der viele Jahrhunderte hindurch von übermächtiger Seite, aber mit so kläglichem Erfolg gegen das Judentum geführt wurde. Gegen dieses unbestreitbare Zeugnis der Geschichte erhebt sich bisweilen eine seltsame Geschichtsphilosophie, die die Ereignisse hinterher korrigiert und vorwiegend mit dem conjunctivus perfaecti und plusquamperfaecti arbeitet. Die Juden wären in Alexandrien und im Rom beinahe untergegangen; der Strom der arabischen Kultur hätte sie beinahe hinweggespült; wenigfehl te und sie hätten in Spanien zu existieren aufgehört. Ergo . . . Und so weiter. Immer ein conjunctivus mit einem „beinahe" im Vordersatz und darauf ein kategorisches Urteil. Lohnt es sich, gegen eine solche kindische Beweisführung zu polemisieren? Sie wagt sich aber auch nur an die jüdische Geschichte heran; anderwärts würde sie mit Hohn und Spott a limine abgewiesen werden. Gewiss, die Juden wären untergegangen, aber sie sind es nicht; sie wären vom Erdboden verschwunden, aber sie taten es nicht! Immer kam irgend ein unscheinbares Etwas, ein Imponderabile, eine Kleinigkeit dazwischen. Eine von jenen „Kleinigkeiten", die die stärksten Triebfedern der Geschichte bilden. So oft eine stärkere zentrifugale Strömung eine beträchtlichere, wenngleich im Verhältnis zum Ganzen verschwindende Minorität des Judentums vom Stamme loszureissen drohte, erwachte sogleich, hierdurch gestachelt, der Selbsterhaltungstrieb, presste die Majorität nur um so enger aneinander, und die Anhänglichkeit an das Alte konnte sich bisweilen zum Taumel, ja zum Fanatismus steigern. Der widerstandsfähige Organismus setzte sich gegen eine unnatürliche Amputation zur Wehr. So erzeugte jede destruktive Arbeit nur eine Reaktion in die entgegengesetzte Richtung. Aber alle, die da eine „Lösung" der Judenfrage von einer erhofften Auflösung des Judentums erwarten, machen ihre Rechnung ohne den wirtschaftlichen Faktor. Es ist klar, dass eine Minderheit nur von einer solchen Mehrheit absorbiert werden kann, die ihr erstens: numerisch sehr weit überlegen ist, zweitens: kulturell und wirtschaftlich ihr mindestens gleichsteht. Wo die enorme numerische Uebermacht fehlt, oder wo sie eine sozial tieferstehende Klasse bildet, dort wird sie einzelne, vielleicht zahlreiche Individuen verschlingen, aber der Minderheit als Ganzes gegenüber sich machtlos erweisen. Jede Klasse wehrt sich aus allen Kräften dagegen, auf eine tiefere Stufe hinabzusteigen. Nun aber hat eine unabänderliche historische Entwicklung die Juden zu einer mehrschichtigen bürgerlichen Mittelklasse mit wenigen Ausläufern nach oben und nach unten geprägt. Ihnen gegenüber als assimilierender Teil kommt also die grosse Masse des Bauerntums, des Kleinbürgertums und Proletariats gar nicht in Betracht, die höchsten Klassen dagegen nur den schwersten Geldsäcken gegenüber, und auch dies nur in vereinzelten Fällen. Es bleibt also nur das höhere Bürgertum, das kulturell und

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