Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Die Trauer
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 637 - 638 (sequence 3)
- Language
- German
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637 Nathany Sahuwi: Die Trauer. 638 Hinter diesen schlichten Zeugnissen der Trauer, der Hoffnung, der Liebe, versinken freilich alle die grossen und schönen Worte, die Männer, die der Völker Geschicke lenken, dem teuren Toten in die Gruft gerufen. Wie eigen ist es bei uns: wir schätzen und werten die Grossen unseres Stammes niemals nach dem, was sie sind, sondern nach dem, was die „anderen" yon ihm hielten. Wir alle! Es ist eine unbewusste Aeusserung unseres nationalen Solidaritätsgefühls, nicht minder aber mangelnden nationalen Selbstachtung. Ein Grosser in Israel wird von Fürsten geehrt — und wir empfinden es als unsere eigene Ehrung. So halten wir uns schadlos dafür, dass die Schmach des einzelnen unserer ganzen Gemeinschaft angeheftet wird. Der König von Italien; der Grossherzog von Baden, dieser edle Gönner der zionistischen Bewegung; der Grossherzog von Hessen, die Leiter der österreichischen und der weitblickenden englischen Politik, viele der Mächtigen hienieden haben ihr Beileid zum Tode unseres toten Führers ausgesprochen. Die Teilnahme hat uns erfreut, hat uns ergriffen, vielleicht auch mit Genugtuung erfüllt, wenn wir sahen, dass einige abgesprengte, abgestorbene Glieder unseres Volkes von der Höhe ihrer Geldsäcke (die nicht nur mit Goldstücken, sondern auch mit dem Schweisse der Armen gefüllt sind . . .) regungslos zur Trauer des Volkes standen und protzenhaft „ihre Tempel", in denen sie sich zu „ihren Göttern" von „ihren" Geistlichen etwas vorbeten lassen, der allgemeinen Trauer schlössen. Gewisslich! Da können einem Woite, wie sie der König von Italien, wie *ie Chamberlain gesprochen, tiösten. Aber brauchen wir des Trösters gegenüber dem Mauschel?! Ein Ekel ist uns der Mauschel und das schmutzige Gefäss der Verächtlichkeit. . . . Wir haben einen stärkeren Trost: Ihn gibt uns die Arbeit für unser Volk, ihn geben uns unsere grossen nationalen Hoffnungen: dass der Name Jude ein Ehrenruf in der Menschheit werde und dass Jude und Mauschel nicht mehr vermischt werden. Im Geiste Herzls schaffen an dem Aufblühen unserer Kultur, an der Errettung unserer Leiter von dem Schmutze des Elends an und der Neugeburt unserer Seelen zur Schönheit, zur Kraft und zur Jugend unserer Ahnen im Heimatlande. — Das ist unser Trost. Dir aber, früh verblichener Mann, der du in deiner grossen Seele unser aller Schmerz getragen und am Schmerze deines Volkes verblutet bist, dir rufen wir zu am Ende deines Lebenskampfes und der Unrust deiner Tage: Ruhe in Frieden! APHORISMEN UND MISCELLEN. Judentum und Nationalität. Das Judentum hat als Nationalität eine Naturbasis, die nicht wie ein Glaubensbekenntnis durch ein anderes verdrängt werden kann. Ein Jude gehört seiner Abstammung nach stets dem Judentum an, gleichviel, ob er oder seine Vorfahren Apostaten geworden sind. — Das mag nach modernen Religionsbegriffen paradox erscheinen. In der Praxis wenigstens habe ich diese Ansicht bewährt gefunden. Auch der getaufte Jude bleibt Jude, wie sehr er sich auch dagegen sträuben mag. Heute ist kaum noch ein Unterschied wahrzunehmen zwischen den aufgeklärten und den getauften. Mein Freund Armand L., dessen Grosseltern sich schon taufen Hessen, interessiert sich noch lebhafter, als mancher beschnittene Jude für das Wohl und Wehe seiner Stammesgenossen, und er hat den Glauben an die jüdische Nationalität treuer bewahrt als unsere aufgeklärten Rabbiner. Dem Juden ist nicht der Glaube, sondern das Forschen nach Erkenntnis Gottes geboten. Das ist eine Gewissensangelegenheit, über welche man niemand ausser sich selbst Rechenschaft zu geben hat, auch nicht zu geben vermag. — Dem flachen Rationalismus ist es freilich ebenso leicht, wie dem blinden Köhlerglauben, sein Credo abzuleiern. Die Erkenntnis dagegen, welche aus dem innersten Geistes- und Gemütsleben herauswächst, entwickelt sich mit dem Individuum und der Menschheit fort; sie kann nicht durch Glaubensartikel ein für allemal festgestellt werden. — Auf der tiefen Dogmenbasis des Judentums konnten sich abweichende Lebensanschauungen entwickeln; für das schöpferische Judentum selbst sind alle diese Lebensanschauungen nur vorübergehende Momente, die sich nach innern und äussern Erlebnissen modifizieren, oft in ihr Gegenteil sich zu verkehren scheinen, aber trotz aller Mannigfaltigkeit der Entwickelung den ursprünglichen Typus, aus dem sie hervorgegangen sind, nicht verleugnen und ihn schliesslich als reife Frucht des Lebensbaums reproduzieren. Die grossen Denker und edlen Charaktere haben dieses Wesen der jüdischen Geschichtsreligion auch nie verkannt; sie erblickten nicht in jeder Modifikation der Lebensanschauung