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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 635 - 636

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Die Trauer
Date
1904-08-01
Page
Seite 635 - 636 (sequence 2)
Language
German
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635 Nathany Sahuwi: Die Trauer. 636 Herz, oder waren es erdige Schollen? — dies dumpfe Dröhnen klang hinaus in die Weite und schlug an jedes Juden Tür, und eine stille Stunde zog ein in Israel. Das Leid war zu gross, als dass ein lautes Klagen je Tröstung bringen könnte. Oft kommen uns schwarze Gedanken, dass das Volk, um das wir uns mühen, längst gestorben sei. Es wollte sterben, und nun ist dieser leidgeborener Wille erfüllt. Wir wollten die Fäulnis spüren überall. . . . Und doch, so oft ein grosser Schmerz uns ankrallt, zeigt unser Volksorganismus, das)s er lebt. Er ist nur siech. Und es bedarf nur gewaltiger Reize, um ihn zu Lebensäusserungen anzuregen. — Herzl starb. Das war ein Stich tief in das Herz der Judenheit, und alle Glieder, selbst die fernsten, die schon von dem Kreislauf der Säfte ausgeschaltet schienen, die man schon abgeschnürt und brandig glaubte, zuckten in wilden Reflexen. Es liegt etwas Erschütterndes und doch in höherem Sinne wieder etwas Tröstliches darin, diese Zeichen der Trauer — und somit des Lebens vor sich zu sehen. Die Zeitungen brachten Berichte über Berichte. Dass sich die grossen Tagesblätter mit Herzl beschäftigt haben, begreift man wohl. Sein Name hatte einen guten Klang in der Journalistik. Er war nicht nur der Träger der besten wiener Tradition, er war ein Neuschöpfer, der dem künstlerischen Feuilleton, dieser Vertreterin des Buches, neue Wege gewiesen und einen vorbildlichen Typ geschaffen: den wundersamen Zusammenklang von Wissen, feinstem Stilgefühl, perlendem Geist, überlegener und doch melancholischer Spöttelei, und all das überhaucht von einem warmen Lyrismus. Und hinter den Zeilen stand ein ganzer Mann, der alle sich zu Füssen legte, die seinen Weg kreuzen wollten. Unser öffentliches Leben ist nicht reich an solchen Gestalten, an so reinen Charakteren von spezifischer Färbung. Allein von all diesen Zeugnissen der Anteilnahme an dem Hinscheiden des Künstlers und Weltmannes — so imposant, so ehrlich und begeistert sie in ihrer erdrückenden Fülle waren — wollen wir in dieser Stunde nicht sprechen. Sie waren das Tribut der Verehrung, der Anerkennung, vielleicht — wenn es bei den Leuten der hastigen Feder so etwas gibt — einer neidlosen Dankbarkeit. Hier sprechen wir von Herzl, dem Juden. Denn er war unser! Das offizielle Organ der zionistischen Bewegung, „Die Welt", hielt uns Stunden und Stunden fest, wie mit eisernen Krallen, die sich uns in das Herz setzen. Da standen kurze Berichte lange Spalten hindurch. Alle Länder, Städte, Dörfer. Flecken fand man darinnen. Die fernsten Erdteile. Das Ganze las sich fast wie ein Ortsverzeichnis. Wie Seiten aus einem geographischen Handbuch. Und in der Tat: es war Geographie. Es war die Geographie des Golus. . . . Und fast immer dieselben Worte. Aber welche gewaltige Polyphonie des Schmerzes liegt in dieser Eintönigkeit! Worte, kurz und knapp — wie aus dem Stein gehauen. Und doch ein Leid in den lapidaren Sätzen, unendlich und ohne Grenzen wie ein nächtlicher HimmeL „Imposante Trauerteier. Tiefempfundene Rede. Alle tief erschüttert.u Wahr lieh: nie sind so viel ergreifende Reden gehalten worden! Wie war das leicht, ergreifend zu reden. Ein grosser Saal. Oder ein kleines dämmriges Beihaus. Die Räume sind schwarz drapiert. Sonst mögen hier wohl Lüste ihre Reigen führen. Das kleine Bethhamidrasch braucht der schwarzen Tücher nicht. Dort ist es auch ohnehin so dunkel und dämmerig. Denn die schweren Gedanken unserer Weisen gehen da um. Und alle die Sorgen der Eltern und Voreltern und die Schmerzen des Tages sind in die Betständer hineingeweint, in die Thoramäntel hineingeküsst, in die Luft in langgezogenen Seufzern hineingestöhnt. . . . Die Gemeinde hat sich versammelt. Eine schwüle Stille liegt über den Räumen. Man reicht sich stumm die Hand. Aber die Finger beben. Man sieht sich an. Aber man erkennt einander nicht. Alle Menschen sehen einander so ähnlich wie Geschwister . . . Selbst dem Feind drückt man die Hand und blickt ihn an, und er schaut aus wie ein — Bruder. . . . Dann ein Lied. In den wehen Tönen unserer alten Melodien singt der Chasen das El mole rachamon. Es reisst einem schier die Seele heraus. Jedem ist's, als stände er vor einem Grabe, und in diesem Grabe liegen, die uns Leben und Liebe gegeben — unsere Eltern. Es ist nicht eine Trauer, die wesenlos verschwebt. Es ist eine Trauer aller, eine allgemeine Trauer. Und doch greift sie in unsere allerpersöolichsten Seelenwelten hinein. Die grosse Kraft des Nationalen lüftet die dichten Schleier ihrer Geheimnisse. Wie das Geschick der Gesamtheit, nicht geteilt durch die vielen, sondern in seiner ganzen Grösse und Wucht zum Geschick des einzelnen wird . . . Was muss ein Redner hier noch sagen! „Herzl ist tot! Unser Stolz ist begraben.44 Und wir stehen da wie Verwaiste. . . . Was braucht es der Worte mehr: „Herzl ist tot!" Sagt das nicht alles? Ist nicht jeder Laut ein Klagelied? Ein Kind brauchte es nur vor sich hinzulallen, ein Stummer es in zitternden Gebärden zeigen — und allen werden die Tränen in die Augen stürzen bei dieser tiefempfundenen „Rede". . , . Aus all den Tränen rang sich dann der Schlussakkord jüdischer Stimmung empor in die alten Worte des Kaddiscbgebetes: das Gotteslob und Gottvertrauen als der Quell reinster Beseligung, und höchster Ausdruck unserer lebensfreudigen Weltanschauung, die bei allem Leid erkennt, dass wir doch zu kurzlebig und zu kurzsichtig sind, um in das Räderwerk von Gottes Webstuhl zu blicken. Aber die Sehnsucht lebt. Auch sie ist unseres Gottes voll, und so ertönte, leise zunächst noch und zitternd, dann aber markig und stolz und in edlem Fanatismus, der Sang unserer Hoffnung, das Lied von unserer Zukunft! „Od lo owdo thikwossenu" . . . In den Ghettos des Ostens hatten die Juden die Läden geschlossen. In vielen Städten waren feierliche Umzüge veranstaltet worden. Die Sitte des Tiscbah-b'ath, am Boden kauernd die Klagelieder zu sagen und die Kinnoth zu weinen — man hat sie in vielen Orten an Herzls Todestage geübt. Man konnte nicht stehen. Denn der Schmerz drückte zu Boden. . . . Aber am rührendsten wird immer diese Tatsache sein, die von vielen Städten bezeugt ist. Ein Krankenlager. Drinnen ein jüdisches Weib. Ihre schwere Stunde ist gekommen. Ein junges Leben kämpft ums Licht, ringt nach der Sonne. Ein Kampf voller Schmerzen. Was muss das Weib leiden, ehe sie ihrem Kind den Tag zeigen kann! Ihre Züge sind verzerrt. Aber ein Sonnenglanz liegt über ihnen: dass es doch ein Knabe werde! Benjamin Seff soll er heissen! ...

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