Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Der Todesengel
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 633 - 634 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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633 Der Todescugel. 634 Sein Blick war immer auf den Kranken gerichtet, in dessen Antlitz eine seltsame Aenderung sich wies. Der Atem wurde gleichmässiger, die Gestalt Züge Diese Neubelebung straff und die fest, kam aus den Augen die aufstrahlten, wie die Sterne nach dem Gewitter. Die Mutter näherte sich, die Mutter mit seinen Kindern, und alles, was in diesem reichen Herzen an Liebe war, leuchtete ihnen aus seinen Augen entgegen. Der Engel sah, wie er sich den Seinen zärtlich zuneigte, wie er sie mit verhaltener Wehmut liebkoste, wie er voll verheissender Liebe Mutter und Kinder an sich zog, dankbar sein Weib, seine treue Pflegerin umarmte — und er zweifelte an seinem Erfolge. Nach einer Weile nickte der Kranke undbat die Seinen, ihn zuverlassen. Er hatte sich mit Mühe gehalten und sank nun kraftlos zusammen. Da nahte in feierlichem Fluge der Fürst des Todes, seine Fittiche rauschten einen Grabstätte Theodor Herzls und seines Vaters. schweren Rhythmus zu seinem melancholischen Liede. „Komm, du zärtlicher Guter, dein Herz ist schwach, es vermag die Liebe nicht mehr zu ertragen. Was soll dir das Leben ohne die Liebe der Deinen. Strahlend lebt dein Bild neu auf in ihnen. Willst du, ein Siecher, Schwacher, ihr schönheitsgewohntes Auge stören? Steig auf mit mir zu lichten Höhen. Dort ist das Vergessen und das Gedenken, das Vergehen und das Entstehen. Dort ist das Leben in Schönheit und in Wahrheit, dort ist deine Welt" Der Kranke richtete sich hoch auf, ein seliger Hauch verklärte sein Antlitz. Ein leises Nicken der Bejahung, ein Neigen des Kopfes und der Körper fiel kraftlos zusammen. Am Tore des Paradieses erwartete der Erzengel Gabriel den Geist Theodor Herzls. Der Todesengel aber küsste seine Seele und weinte, da er sich von ihr trennen musste. H. York-Steiner. DIE TRAUER. Von Nathany Sahuwi. Mit wehmütig-spöttelnden Worten, wie es so seine eigene Art war, hat Herzl die guten Leute skizziert, die rdabei waren". Wo immer sich etwas ereignet, sie sind da. Sie zeigen sich der Mitwelt. Aber es sind armselige Geschöpfe. Sie sind beim Firnissfest, bei den Jubiläen, in den Wohltätigkeitszwangsvorstellungen immer dabei, aber immer gelangweilt. Wahrlich, sie bringen Opfer. Doch am nächsten Tage heisst es dann in der Zeitung: Bemerkt, viel bemerkt wurden auf der Hochzeit, beim Leichenbegängnis Frau Soundso, Herr Zett ... In diesen Stunden, da all unser Sinnen voll ist der Erienerungen an die ragende Gestalt unseres Führers und sich die Gedanken anlehnen an seine Worte und fortranken in seinem Geiste, denken wir mit traurigem Gemüte seiner lieben Scherze. . . . Wir bücken um uns. Ein Trauerzug. Nirgends ein Blümchen. Ein Leichenwagen der armen Leute. Und hinterdrein im langen, schier endlosen Zuge geht Nachdruck verboten. eine grosse Gemeinde. Geht? Ich glaube, es ist mehr ein Wanken . . . Kein Laut umher. Nur die Blätter rauschen leise, als wollten sie dem Manne unter dem schwarzen Sargtuch ein letztes Lebewohl zugrüssen. ... Wo waren die Leute, die — „man bemerkte", die nur auf Erden da sind, damit die Zeitungen morgen von ihrer Nochexistenz sprechen könnten? Sie waren nicht im Zuge. Denn hier bemerkte man nicht! Wer hatte da Aug^n für andere? Man sah nur das eigene Herz, die eigene Trauer. Und alle Welt umher war versunken. Es war eine marternde Stille. Und man konnte glauben, dass der Mann im Sarge der Lebende war, und die Tausende, die ihm das Ehrengeleite gaben, die Toten. Ein Zug des Todes. . . . Die Schollen rollten auf die schwarzen Bretter. Und aus der Gruft, drin ein edles, frühgebrochenes Herz lag, pochte es dröhnend wie dumpfer Herzschlag. . . . Und dieses dumpfe Dröhnen — war's nun ein