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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 631 - 632

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Der Todesengel
Date
1904-08-01
Page
Seite 631 - 632 (sequence 2)
Language
German
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63t Der Todesengol 632 rührung zusammenzuckten, wie sie jammernd sich an ihre Gebresten klammerten, und mit einem Lächeln ironischen Mitleids wendete er sich ab. Wie doch dieses Menschengeschlecht immer kleiner wurde, immer wehleidiger und selbstsüchtiger. Sie alle leben nur noch der Lust des Tages, und sie zittern vor der .Rechenschaft der Nacht, sie leiden an steter Unrast und schrecken vor der Ruhe. Sie suchen die Erkenntnis im Erschöpfen des Lebens und missachten die Wahrheit des Todes. Hochaufrichtete sich der Mailach hamoves, faltete seine Flügel vor dem Licht und) beugte in ihrem Schatten sein bleiches Haupt über das Haus. „Ich kenne dich, o Mensch, von Anbeginn. Ich stehe an der Quelle deines Lebens, das den Tod bedeutet, und keiner weiss mehr von dir als ich. Was aber wisst ihr von meinem Wesen? Ihr schreckt vor mir all eure Tage. Ihr erzittert, wenn ich nahe, und keiner von euch ist bereit." „Wer widerspricht?" Ein kurzes ironisches Lachen hatte ihn gestört. „Ich suche dich nicht, noch fürchte ich dein Angesicht, aber ich bin bereit." Der Fürst des Todes blickte auf. Das sprach ein schlanker Mann, der in einem Lehnstuhl gebettet war. Das wohlgeformte Gesicht schimmerte in jener Farbe des Ambra, die dem Semiten vornehmer Geschlechter eigen ist. Ein schwarzer Bart floss über ein helles Leinengewand, und aus tiefumränderten Lidern leuchteten dunkle Augen voll eigener Glut. Sein Atem ging schwer, doch die Worte klangen bestimmt und klar. Der Malach hamoves trat dicht vor ihn, dass jenem last der Atem stockte. Er blickte hart in das leidende Gesicht, um in dem Sprecher die Schauer des Todes zu erwecken. Der aber schüttelte ganz leise das Haupt. „Nein, mich schreckst du nicht; ich habe zu oft deiner gedacht." „Du meiner?" „Jedes Stück Leben war mir eine Mahnung an dich, jeder Genuss ein Bote deines Wesens und alles Tun eine Vorbereitung für dein Kommen." In das harrsche Antlitz des Todesengels stieg ein Zug wehmütiger Milde. „So, kommst du gerne mit mir?4* Der Kranke blickte sinnend empor. Und wieder schüttelte er, die Augen schliessencl, das Haupt. „Es scheint mir zu früh, noch bereite ich im Scheiden tiefes Leid.*' „Denkst du immer der anderen?" entgegnete der Todesengel mit leiser Ironie. Fest und bestimmt kam die Antwort aus dem entschlossenen Munde: ,,Immer, soweit dies im Wesen des Menschen liegen mag." Ernst sinnend strich der Todesengel über das Haupt des Kranken, dass ein leiser Schlummer ihn ankam. Er blickte durch die dunklen Haare bis auf den Grund der Seele, und ein Gefühl der Zuneigung stieg in ihm auf, als er in diesem Herzen gelesen hatte. Der Kranke hatte die Augen geschlossen, der Engel sang ihm ein Lied. „Komm1 mit mir, wo ewige Ruhe ist, wo all' die Grossen deines Stammes deiner harren, komm', du edles Menschenbild, zu mir, wo wahres, ewiges Leben dich umfangen wird. Du bist ein Spätgeborener oder du kommst zu früh. Und im Schlafe leise flüsternd hauchte der Kranke: „Eure tödliche Majestät irren; ich kam meiner Zeit zurecht. Die Herren der Erde und die Fürsten der Kirchen haben mich verstanden. Ich aber verstehe auch die Kleinen und Argen, denn mir blieb nichts Menschliches fremd. Und ich verzeihe ihnen allen. Ich habe gross gelebt und hoch gestrebt — zu gross, zu hoch vielleicht. Und Mass halten ist alles. Meine Kräfte schwinden zu trüh." Der Atem stockte eine Weile — dann fuhr er ruhig fort — „aber — aber wenn du gekommen bist, mich zu rufen — ich wäre bereit!" Der Todesengel schüttelte das düstere Haupt, der andere nickte dankbar. Seine Stimme war durchtränkt von Zärtlichkeit, als er weiter sprach. „Die Mutter, die Mutter will ich noch sehen und die Kinder, meine Kinder, dann geschehe nach dem grossen Willen, der uns alle regiert." Der Engel des Todes neigte sich über sein Antlitz und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Ich weiche von dir, du wahrhaft grosses Menschenkind, du sollst leben, wenn du noch leben willst, wenn du wollen kannst". Und wieder sang er ihm ein Lied. „Gross und stark hat Jehova dich geschaffen, gebietend war dein Wesen und deine Seele war voller Kraft. Und es neigten sich vor dir die Kinder deines Stammes. Denn in dir war ein Hauch des Herrn. Deine Kraft ist versiegt. In sich geschlossen sind die Gesetze des Seins, ein zweites Mal belebt dich nicht der Herr. Willst du leben, ein schwacher Mensch? Wirst du sein wollen unähnlich dir selbst? Rufe mich, rufe mich, kein Kampf soll dich zerstören, keine Gewalt soll dich entehren. Herr sollst du sein deiner selbst, ein Grosser im Leben und im Sterben." Der Malach hamoves erhob sich und zog empor in die Lüfte seinen melancholischen Gesang vorhauchend, harrend des Wortes, das ihn rufen sollte. Er sah die Aerzte hantieren, er sah ihre Mühe, ihren feierlichen Ernst und musste lächeln. Sie hatten gesehen, dass der Schatten des Todes aus dem Hause gewichen war, und freuten sich ihres Erfolges. Er kannte sie seit den ersten Tagen; immer bemüht den Tod zu bekämpfen, dem sie selbst verfallen sind, immer siegesgewiss und immer der endlichen Niederlage sicher. Er achtete ihrer kaum.

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