Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzls Krankheit, Tod und Begräbnis
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 629 - 630 (sequence 3)
- Language
- German
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629 Theoder Herzls Krankheit, Tod und Begräbnis. Sarge ihres Vaters. Man sucht sie abzuhalten. „Aber man muss doch die Zeit benutzen," wehrte sie weinend ab. Und wahrlich, man musste sie ausnutzen. Der letzte Tag war da, die Stunde des Begräbnisses war gekommen. Die Freunde aus Oesterreich und Deutschland waren die ersten gewesen, dann kamen die aus Holland, aus Italien, aus dem Orient, aus Frankreich, von England, und endlich die aus Polen und Südrussland. Welch ein Wiedersehen. Jedes neue Kommen brachte seinen eigenen Schmerz. Es weinten die Jungen und die Alten, sie streichelten den Sarg und küssten die florumhüllte Kongressfahne, die seinen Sarg bedeckte. Wohl kamen alle in Wien anwesenden Schriftsteller, alle seine engeren Kollegen, Deputationen der jüdischen Gemeinde und vieler jüdischer Korporationen — aber es war doch im ganzen Wesen und in der ganzen Anlage ein zionistisches Begräbnis. Ueber 1000 Mitglieder zionistischer Deputationen waren vor dem Hause versammelt, mehr als 5000 Trauergäste und samt den Neugierigen etwa 8000 bis 10000 Menschen. Herzl hatte in seinem Testament ein einfaches Begräbnis letzter Klasse verlangt. Kränze und Reden abgelehnt. Dadurch wirkte die Trauer um so ergreifender. Kranz und Rede war das jüdische Volk, das sich in solcher Anzahl, vereint aus so fernen Gegenden, in Wien noch nie zu einem Leichenzug zusammenge- Trauerzug, veranstaltet in funden hatte. Ein dunkler Theodor Strom, ergoss sich die Menge in die Strassen, den Hügel empor, der zum Döblinger Friedhof führt. Der Rabbiner rezitierte einen Psalm, die Sänger stimmten einen ergreifenden Chor an, dann trugen wir Theodor Herzl zu der Gruft seines Vaters, bei dem er liegen will, bis das jüdische Volk ihn nach Palästina bringt — wie es in seinem Testamente heisst. Als der Sarg eingesenkt war, hörte man nur ein heftiges Schluchzen. Es weinten Tausende. Das liest sich, wie es sich sagt. Wer . aber hat schon Tausende weinen sehen? Wer den Schmerz eines Volkes, den zittternden, aufreizenden Jammer einer Nation über sein Herz ziehen gefühlt? Und die da schluchzten, waren die Sendlinge yon Hunderttausenden die zu selbiger Stunde mit uns weinten. Und in . all diesem Jammer, diesem Weinen und Klagen dringt eine zarte Stimme vor. Die Stimme eines . Knaben Hamuns, Theodor Herzls Herzenskind, spricht am offenen Grabe des Vaters das erste Kaddisch. Alles lauscht, uod der Friedhof ist voll von Stimmen, die respondieren. Der Knabe weint, da er das Grab verlässt, seine ersten Tränen, und weiss doch kaum, warum er weint. Wir alle werten eine Handvoll Erde auf Herzls Sarg, und jeder juft ihm ein stilles „Auf Wiedersehen!" zu. Dieser Sarg kommt wieder ans Licht des Tages, unter die Sonne Palästinas. So wahr uns Sofia am Beerdigungstage Gott helfe. Herzls. Y. DER TODESENGEL (Der Malach. hamoves.) Nachdruck verboten. Er sass auf der Spitze der Heukoppe, dem höchsten Gipfel des Raxgebirges. Das war an Feiertagen sein Lieblingsplatz, denn da kamen die waghalsigen Bergsteiger, so dass er fast immer zu tun fand. Der Todesengel ist kein Feind der Menschen, er tötet nicht, er hilft von Leid und erlöset von Qualen. Wenn die vielen Menschlein in übergrosser Gier zu seinem Sitze, den Gipfeln des Schweigens, aufstreben, wenn sie dann straucheln und abfallen, im jähen Sturz die Glieder zerschmetternd, dann schwebt er mitleidig nieder, bedeckt sie mit seinen dunklen Fittichen und entführt die reine Seele dem zerstörten Körper. An diesem Sonntag schienen die Gäste des Berges zag und vorsichtig: der Fürst des Todes langweilte sich. Er hüllte sich in eine dunkle Wolke und stieg zu Tale. Am Fusse des Berges in kühlem Waldesschatten lugten helle Bauten aus dem Grün der Bäume. Sie schienen Lustschlösser, doch ihr lebenabgewendetes Schweigen wehrte diesem Gedanken. Langsam schwebte der Engel des Schweigens ob dieser Häuser auf und nieder. Er ahnte sein Revier. Das war jene Stille, die den kranken Menschen umgibt, jenes Schweigen, das der Angst ums Leben entspringt, jene Ruhe, die ein Vorbote des ewigen Friedens ist. Er zog von einem Räume zum andern, er sah, wie die kleinen Menschen bei seiner Be-