Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzls Krankheit, Tod und Begräbnis
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 627 - 628 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€27 Theodor Herzls Krankheit, Tod und Begräbnis. 628 2\0U Der Trauerzug vor der Wohnung Theodor Herzls. Freude des Wiedersehens schien ihn neu zu kräftigen. Wenige Stunden später hatte sein krankes Herz zu schlagen aufgehört. Als es geschehen war, konnte es niemand glauben. Die Freunde standen wie gelähmt vor diesem gewaltigen, im Tode verklärten Körper und konnten es nicht fassen1, dass alles Leben ihn verlassen habe, die Mutter warf , sich über das Bett und klammerte sich an den Toten, und die Frau rief den Aerzten zu: „Es ist doch nur eine Ohnmacht, behandeln Sie doch meinen Mann, retten Sie ihn". Man konnte sie nur entfernen, als man versprach, Wiederbelebungsversuche anzustellen. Dr. Sigmund Werner, der ihn in den letzten Tagen gepflegt hatte, drückte ihm dann die Augen zu, diese grossen, klaren, glühenden Sterne, deren Licht erloschen war. Was dann kam, lässt sich kaum beschreiben. Die erste Betäubung wurde - durch das Gefühl der Pflicht erleichtert: es gab zu tun — ein jeder musste ein Stück Arbeit übernehmen, und es spricht ganz ausserordentlich für die Organisation des Kongressbureaus, dass alles ohne Verwirrung abgewickelt wurde. Denn alles geschah ganz instinktiv, ohne Zeit zu rechter Ueberlegung. Hunderte von Telegrammen trugen die Kunde vom Tode des Führers in alle Welt und Tausende von Kondolenzen kamen. Dann musste ihm das Grab bereitet werden. Die zu erwartende Menschenmenge erforderte eine eigene Ordnung für den Leichenzug, die in Druck gelegt und verteilt wurde. Diese Vorbereitungen lenkten den Schmerz für eine Weile ab. Und Theodor Herzl lag starr und stumm in seinem Arbeitszimmer, bewacht von zionistischen Studenten. Das war der Orgelton, auf den sich diese ganze Tonfolge einer schauerlichen Trauermelodie aufbaute. Zu diesem Sarge kehrten die Sinne immer wieder zurück. Wir bildeten mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern eine trauernde Familie, die sich von Stunde zu Stunde vergrösserte. Für etwa 60 Stunden hatten die Juden ein Nationalheiligtum, zu dem sie wallfahrten von allen Enden Europas. Man traf sich am Sarge Theodor Herzls wie einst in Basel am ersten Kongress. Damals verbrüderten wir uns unter Freudentränen, jetzt vereinigte uns die bittere Zähre tiefer Trauer. „Wir sind ein unglückliches Volk," jammerte der eine, „Theodor Herzl, ich habe Dich mehr geliebt, als ich Dir je gesagt habe," rief der andere. „Ich habe doch noch gar nichts von all dem getan, was Du uns geheissen hast," klagte ein dritter. Die Seelen lagen offen zutage, denn ihre Wunden gestatteten keine Hülle. Fast im Schmerz erstarrt ging seine Frau einher. Nur einmal hatte ein heftiges Schluchzen ihren tiefsten Schmerz gelöst — seiiher ging sie fast tränenlos einher. Wenn sie an den Sarg tratt, verliess die Totenwache das Zimmer. Sie möchte ihren Schmerz verbergen, aber unterdrückter und doch durchdringender Wehelaut zieht durchs ganze Haus, wenn sie mit ihrem Manne allein ist. Die Mutter hingegen spricht zu den jungen Leuten, sie klagt in beweglichen Worten, sie sucht Trost in ihren jugendfrischen, sympathischen Gesichtern, aus denen lautlos die Tränen quellen. Sie weiss, dass sie nun einsam sein wird, und dankt für jedes Wort der Sympathie, für jede Träne, die ihrem Leid gilt. Die Kinder, stets so treu behütet und fest geleitet, sie huschen ängstlich von einem Raum zum anderen, und die Aelteste eilt, so oft sie kann, zum