Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Palästina
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 617 - 618 (sequence 4)
- Language
- German
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617 Dr. Theodor Herzl: Palästina. 618 reichen die Mittel auch der grossmütigsten und reichsten Einzelnen nicht aus. Nun können wir ein ganzes Volk dahintersetzen: ein Volk, dessen Existenz wir durch unsere grosse zionistische Bewegung zeigen; ein Volk, das diesem verwahrlosten Boden die alte Zärtlichkeit bewahrt hat, wie einem kranken Angehörigen. So können wir auch ruhig, offen, ohne alle diplomatischen Feinheiten verkünden, was wir mit diesem Boden vorhaben. Denn niemand ist bereit oder in der Lage, für die Wiederbelebung dieser Erde solche Opfer zu bringen, wie das jüdische Volk. Es wird uns niemand zuvorkommen, es wird uns das niemand wegnehmen, weil niemand die hingebungsvolle Menschenkraft aufbringen kann, vom Gelde ganz zu geschweigen, wie die Juden. Bei den Juden in ihrer jetzigen Lage rindet sich die politische Machtlosigkeit, die sie als ungefährlichsten Bewerber erscheinen lässt, mit der notwendigen wirtschaftlichen Macht vereinigt. Wir haben die Frage hoch aufgerollt, und sie fliegt auch schon über die Köpfe der Menschen. Wir sind voll guten Mutes und fester Zuversicht. Und man wird begreifen, dass wir dazu genug Ursache haben, da es uns gelungen ist, das Interesse zweier Herrscher für unsere gerechte Sache zu erwecken. Und sage oder glaube niemand, dass diese Grossen dabei etwas Unfreundliches im Sinne führen. Die öde Selbstbespöttelung mancher Juden, durch die wir alle in Verruf kommen, kann ja auch für eine solche Teilnahme die hämische Erklärung finden: Sie wollen uns los haben! Aber in Wirklichkeit liegt die grossmütigste Absicht vor, Kultur zu verbreiten, unglücklichen, umherirrenden Menschenmassen eine Heimstätte zu schaffen, Wohlfahrt in eine verwahrloste Gegend zu bringen, und durch all dies den Besitzstand der Menschheit an Glück und Gesittung ein wenig zu vermehren. So ist die Teilnahme gemeint, und so haben wir sie dankbarst verstanden. THEODOR HERZL IM KREISE SEINER FAMILIE UND SEINER FREUNDE. Studie von H. York-St ein er. Nachdruck verboten. Wer über Theodor Herzl schreiben will, muss vorerst einige Arbeiten von ihm lesen oder gar seine Kongressreden studieren. Nicht, dass man seinen Stil nachahmen soll. Der Rhythmus seiner Sprache, an altfranzösische Weisen erinnernd, diese gebrochenen Farben, die an halbverblasste Gobelias des Cinquecento gemahnten, diese Sätze, die mit den leisesten Mitteln die allerkräftigsten Wirkungen erzielten, waren sein Geheimnis, der Ausfluss seines Wesens; das haben wir mit ihm begraben. Und doch sollten wir von ihm lernen: vor allem und in allem Mass halten. Auch in der Trauer um ihn und in der Abschätzung seines Wesens. Theodor Herzl war ein Mensch so voll grosser Züge, dass man seine Schwächen nicht übersehen, und ein solcher Freund der Wahrheit, dass man ihn charakterisieren, nicht glorifizieren soll, wenn man in seinem Sinne wirken will. Diese innere Schamhaftigkeit, diese Furcht vor Uebertreibung, die jede seiner Aeusserungen beherrschte, sie hatte keine Macht über seine Beziehungen zur Familie. Da Hess er sich ungehemmt gehen, und seine Seele lag unverhüllt vor unseren Augen. Wenn wir zu ihm kamen, eines jener Feuilletons zu besprechen, die als grosse Kunstwerke geschätzt wurden, dann zuckte er in leichter Verlegenheit die breiten Schultern. Wenn aber Hanns, als er noch ein Häuschen war, eine kleine Opernarie herunterspielte, deren melodischer Zusammenhang nur von genauen Kennern verstanden wurde, dann leuchtete sein edles Gesicht in freudigem Stolze, und wenn Trude ein von ihm verfasstes Kindergedicht hersagte, dann genoss er die höchsten Autorenfreuden. Das habe ich bei seinem 40. Geburtstage beobachtet, den er im Kreise der Familie verbrachte — geliebkost von den Eltern, verhätschelt von seiner Frau und von seinen Kindern mit Liebesbeweisen bestürmt. Ich will nicht sagen, dass er seine Kinder bewunderte, aber er verwunderte sich über sie; ihm war ihr körperliches Gedeihen und ihr prächtiges Wachstum eine Quelle ununterbrochenen Staunens. Es geschah oft, dass eines seiner Kinder während einer ernsten Unterredung in sein Arbeitszimmer schlüpfte. Die kleinen Aeuglein baten, „du schöner, angebeteter Vater, lass' mich eine Weile bei dir/*' Er unterbrach seine Rede, gab dem Kinde einen Kuss vollsatter Zärtlichkeit und schob es von sich. Trude, das Nesthäkchen, sein Ebenbild, wagte es manchmal, stehen zu bleiben. „Jetzt aber hinaus," kommandierte er mit fester Stimme, das kleine Ding flog — ihm an den Hals und presste das schmale Gesicht an sein bartumflossenes Haupt. Er schloss die Augen, hob den Kopf und gab die Liebkosung zurück. Dann ging wohl das Kind, mit ihm wandelte sein Blick, so voll Zärtlichkeit, so voll hungriger Liebe, dass man sich wie ein unberufener Eindringling vorkam, die Augen niederschlug, und so tat, als hätte man nichts gesehen. Wenn er in die Kinderstube kam, dann war dies ein seltenes Fest für seine Kinder. Sie schauten zu ihm auf, wie zu einem höheren Wesen, sie bewarben sich um seine Zärtlichkeiten, und als sie gelernt hatten, ihre kindlichen Gedanken schriftlich niederzulegen, schrieben sie ihm Liebesbriefe. Trude begann ihre Briefe immer: „Mein schöner, geliebter Papa!" Und er schrieb noch von Franzensbad an seine Mutter mit einem Briefe dieses Kindes „Trude ist ein Dichter." Die Erziehung und die Pflege lagen in den sicheren Herzl und seine Mutter.