Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Palästina
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 613 - 614 (sequence 2)
- Language
- German
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613 Dr. Theodor Ilerzl: Palästina. 614 die auf ihren eigenen Füssen stehen, sind einfach verblüffend. Man sieht noch das umgebende steinige, dürre Gebiet, in das ein solcher wackerer Kerl vor ein paar Jahren hineingestiegen ist — er hat einen Orangenhain oder einen reichen Weingarten aus der Erde gelockt. Unter den Gestalten solcher ursprünglicher Landerwerber, die den Boden wie am Anfang der Zeiten erobern, ist mir der Kolonist Brozie in Mezoh bei Jerusalem besonders aufgefallen. Das war ein einfacher Tagelöhner in der Kolonie Rechoboth. Er raffte eines Tages seine paar ersparten und erhungerten Groschen zusammen und ginghinaus auf diese steinige Berglehne. "Da er von seinem Fleiss Beweise gab, wurde er von einem Kölner Kolonialverein mit Darlehen unterstützt. Vor zwei Jahren hatte er seine erste Weinlese. Der Ertrag war 500 Francs. Im folgenden Jahr brachte ihm seine Ernte schon das Dreifache, und er sieht einer weiteren, rascheren Progression des Ertrages entgegen, weil seine Reben immer besser werden. Rings um seinen wohlgepflegten Garten ist noch die Einöde, die der Fleiss auch zum Garten machen könnte. Und solcher Beispiele gibt es so viele, als Kolonisten in Palästina sind. Tüchtige, nüchterne Menschen mit harten Fäusten, und in den Augen haben sie eine Begeisterung für das Land. Die jüdischen Ackerbauer sind zäh und niielligent, das war der Eindruck, den wir überall hatten, wo wir mit ihnen zusammenkamen. Natürlich haben uns die malerischen Details im flüchtigen Vorübereilen am meisten frappiert. Aber auch aus solchen Einzelheiten lässt sich manches folgern. Die Kolonisten sind zum Beispiel gute Reiter. Als wir nach Rechoboth kamen, sprengte uns ein Trupp junger Leute entgegen, einige Von der Palästinareise der zionistischen Delegation. An .Bord. Von der Palästinareise der zionistischen Delegation zwanzig, die uns . als Eskorte nach der Ansiedlung begleiten wollten. Sie führten um unsere Wagen herum auf ihren schnellen Pferden eine Art arabischer Fantasia auf, und wir mussten an die Lassoreiter des wilden Westens von Amerika denken, wenn wir diese stämmigen, wettergebräunten Bursche die Pferde herumwerfen, weit ins Feld davonstürmen und jauchzend wiederkehren sahen. Leider konnten wir nur eine kleine Anzahl der Kolonien besuchen, aber den jüdischen Bauer haben wir doch kennen gelernt. Er verspricht viel fürdieZukunft. Ja, wir glauben nach wie vor, und seit wir dort waren, stärker als je, dass dieses von der Natur so herrlich begabte Land ein Land der Zukunft ist. Diese bezaubernde Küste am blauen Meer kann zu einer Riviera gemacht werden, wenn die Kulturmacht einer Kolonisation im Grossen dahin kommt. Es sind allerdings riesige Intestitionen erforderlich, das Land muss mit allen neuen Verkehrs- und hygienischen Einrichtungen versehen werden. Aber welcher Spielraum für den beweglichen Unternehmungsgeist eines mit allen modernen Mitteln wohlvertrauten, in allen Kulturländern erzogenen Volkes. Welcher Lohn winkt am Ende dieser leichtverständlichen Unternehmungen. Es sind grosse Anlagen von Arbeiten und Kapital erforderlich Aber unter diesem herrlichen Himmelsstrich trägt die Arbeit goldene Früchte, und das Kapital wird dabei seine Rechnung finden. Ebenen, die schnell fruchtbar werden, schöne Gebirge sahen wir im Vorbeieilen. Ueberall wartet die Natur, warten die Zustände äuf die helfende Menschenhand, die wieder Gärten und wonnige Heimstätten für die Menschen schaffen Vor der Klagemauer, soll und kann.