Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzls Tagebücher
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 541 - 542 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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541 Nahum Sokolow: Herzls Tagebücher. Alles, was auf die Entstehung der Tagebücher Ilerzls Bezug nimmt, muss für immer von historischem Interesse sein; ich will daher deren Geschichte hier genau wiederholen. Herzl führte ein genaues Journal, vom ersten Tage der zionistischen Bewegung angefangen. Alles, was er bis vor einigen Jahren niedergeschrieben hatte, übergab er dem Archiv, teils in London („Jewish Colonial Trust"), teils in Wien (Kongressbureau). Die wertvollen Tagebücher befinden sich im Besitze des Aktionskomitees und bilden selbstverständlich dessen Eigentum. Herzl beabsichtigte wohl, dass seine Tagebücher veröffentlicht werden sollten, allein er bemerkte gelegentlich, dieselben würden wohl einer gehörigen Redaktion bedürfen. Auf jeder Seite beinahe finiet der tief jüdische Sinn Herzls Ausdruck. Gemeindefragen, Gegenwartsprogramm, rumänische Judenfrage, Auswanderung, Philanthropie. Alles behandelt er vom Gesichtspunkte der „einzigen Lösung der Judenfrage". Bei jedem Ereignis finden wir Betrachtungen nationaler Natur und den Glauben ausgedrückt, dass alles nur zufolge der anormalen Lage des jüdischen Volkes geschieht. Trotzdem kann selbst Herzl sich auch zuweilen nicht enthalten, ungeachtet der „einzigen Lösung" ganz praktische Scblussfolgerungen für die Gegenwart, Halbmittel u. dgl, zu ziehen. Neben diesen nationalen Betrachtungen lässt aber Herzl das geschäftsmässig Organisatorische niemals aus den Augen, und er geht in alle Details ein. Er verzeichnet die Stärke der Partei und die Mittel. In die jüdischen Massen setzte Herzl das grösste Vertrauen. Diese nach dem Tode unseres Führers aufgefundenen Blätter zeigen uns einen ganzen Mann, und wahrlich, von Herzls Tagebuch darf man sagen: „Greift nur hinein, und wo wir es aufschlagen, da ist es interessant." Ein so wunderlicher Idealist er auch war, in jeder seiner Bemerkungen liegt ein Schatz von gesundem Menschenverstände, und trotz seines poetischen Schwunges traf er stets den Nagel auf den Kopf. Die 14—16 Bände von Tausenden von Seiten werden eine wahre Fundgrube sein für den Historiker und für den Politiker, ich meine für den jüdischen Politiker, den Herzl geschaffen hat. DIE GROSSE TRAGÖDIE. Von Israel Za „Es ist keine Komödie, es ist eine grosse Tragödie." Herzl und ich — es war nach dem ersten Kongress — sassen um Mitternacht auf der Veranda des Hotels „Zu den drei Königen" in Basel und blickten nieder auf den düsteren Rheinstrom. Ich sprach mit einigen ironischen Worten von den launischen Ungereimtheiten des jüdischen Exils: Israel Die armenMillionäreinihrenPalästen Zangwill. vermitteln den Unterdrückern der Juden ihre Anleihen, die Mittelklassen schwatzen von ihren glorreichen Vaterländern, die Rabbis beten für Zion und haben einen panischen Schrecken davor, selbst dahin gehen zu müssen, die Massen sind gegeneinander geteilt und stehen in Fehde um die Vorherrschaft, hier Sephardim gegen Aschkenazim, dort Littauer gegen Polen. Herzl wandte sich zu mir. „Das ist keine Komödie, das ist eine grosse Tragödie.4' Und aus seinen Augen strahlte der Widerschein einer epischen Auffassung des Dramas von Israel, das nicht weniger tragisch wird dadurch, dass die Szenen sich manchmal in gefälliger Umgebung abspielen. ngwill (London). Nachdruck verboten. Die grosse Tragödie bewährte sich in der Tat auch an ihm. Er hat dem langen Drama eine heroische Episode hinzugefügt. Wenn er wie Moses mit einer geringen Kenntnis von den Juden und den jüdischen Problemen begann, so ist seine Reorganisation Israels ein glänzendes Beispiel von der Macht, die dem Nicht-Wissen innewohnt. Er fühlte sich selbst frei in seinem Herzen, rein in seinen Absichten, klar im Denken und stark im Mut. Er konnte nicht verstehen, warum irgendwer das Unrecht der Unterdrückung ertragen sollte oder die Demütigung des Geduldetseins, wenn die Hände noch stark genugsind, ein unabhängiges Los zu schaffen. Und er meinte, dass alle Juden — zum mindesten die seiner eigenen sozialen Stellung — so wären wie er, so vernünftig und ideal gesinnt. Er meinte, man hätte ihnen nur den klaren Weg aus dem Morast hinaus zu zeigen und sie würden ihn gehen — oder wie das Lord Rothschild prägnant kritisierte: „Bei Dr. Herzl ist die Konzeption einer Idee schon die Ausführung." Es gibt wenige Dinge in der politischen Literatur, die von einer rührenderen Naivität sind als die Seiten des ,,Judenstaates", in welchen Herzl ausmalt, wie die Juden von allen vier Enden der Erde nach irgend einem gewählten Zentrum wandern