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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 539 - 540

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Theodor Herzls Tagebücher
Date
1904-08-01
Page
Seite 539 - 540 (sequence 2)
Language
German
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539 Naham Sokolow: Herzls Tagebücher. 540 mehr, denn alle wirkenden Kiäfte seiner Seele lagen in einem Mörser zu Brei zermalmt. Er sah sein hilfloses, steibendes und im Sterben gehetztes Volk. Die Gedanken suchten sich zu kristallisieren, lösten sich indess wieder auf und flössen ineinander. Erinnerungen, Hoffnungen, Gewissensbiss, weiche Gefühle und ein überwältigender Hass wider all das Verkehrte, das zufolge eines unerklärbaren historischen Fehlers die Herrschaft über sein Volk an sich gerissen, schmolzen in seinem Hirn in eins zusammen, wie wenn ein inneres Feuer plötzlich dessen Temperatur erhöht und alle festen Bestandteile flüssige Form anzunehmen gezwungen hätte. Mit einemmal fuhr er zusammen und hielt mitten in einer gewaltigen Seelenkrise inne, denn in seinen von Liebe gequälten Gei-t drang ein Ton, ein Wort, das in seinem Hirn und in seinem Herzen verdoppelt und verdreifacht widerhallte. Judenstaat, Judenland, Selbsthilfe. Nun fehlte der Plan. Er klammerte sich fest an den Gedanken, recht fest; die Pulse hämmerten an die Schläfen, und er fühlte eine brennende Hitze in der Stirn. Nur langsam klärte sich sein Geist. Er versuchte den Gedanken einer nationalen Selbsthilfe in seiner vollen Bedeutung zu ermessen. Er machte sich den Plan ganz klar, und er fühlte, wie gleichsam sein Gehirn wieder in Ordnung kommt. Die anderen, die sich an dieser Frage herumquälen, haben die Empfindung, entzwei zu sein. Sie betrachten einen Teil ihrer Person als europäisches, einen Teil als asiatisches Wesen. Das ist die historische Lüge der Assimilation, die sie zu Doppelwesen macht. Sie sind andere Menschen im Lande, und andere in der Kultusgemeinde. Gleich wie dem Schauspieler der eigene Mensch abhanden kommt und er ein Konglomerat von Rollen wird, also auch werden aus dem Diaspora-Juden der bürgerlichen Gesellschaft mindestens drei Individuen. Wenn nun irgend eine Erschütterung, ein Entsetzen, ein geistiges Erdbeben die Seele bersten macht, dann liegen die drei Naturen Seite an Seite da und betrachten einander. Ich verfolge den Gedankengang Herzls, wie ich ihn nachempfinde und wie er ihn mir in manchem Gespräch und in manchem Brief schilderte. Dies soll auch das Interessanteste in den ersten Heften seines Tagebuches sein. Ja, er war trotz seiner graziösen Art ein tiefer Denker und ein gewaltig grosser Gefühlsmensch. Er durchschaute das Elend und die Nichtigkeit des Golus wie ein Prophet. Aber er verstand, dass man in der Diaspora nicht aufhören kann, ein Doppelmensch zu sein, denn Leben, Geburt, Gewohnheit, die menschliche Schwäche, alles zwingt zu Kompliziertheit. Bunt und kraus geht es in dem Vorbereitungsstadium zu. Jeder Versuch, jede Unterredung mit den „Grossen Israels" wird genau wiedergegeben. Dann kommt die fernere Entwickelung: vom Judenstaat zum Zionismus. Es fiel in die Zeit, wo die schlafende Schöne sich endlich aus ihrer Erstarrung aufraffte, den Schleier von sich warf und wenigstens einen schwachen Abglanz ihrer früheren Reize zeigte. Palästina, das neue Versuchsgebiet einer nationalen Kolonisation. In den Fesseln der starren, kleinlichen Zedakah-Vereinsmeierei-Tekanot gebannt, drohte das Erlösungswerk in den Sand zu verlaufen. Nur ein grosser Geist und eine volkstümlich-internationale Organisation konnten es retten. Die gewesenen „Chowewim" stürzten sich kopfüber in die brausenden Wogen der neuen nationalen Bewegung — war es da ein Wunder, wenn, viel Gischt und Schlamm mit aufgewühlt wurde? Den ersten Impuls zu einer Differenz zwischen Grossjüdisch-zionistisch und Klein-sofort-Miniatur-Kolonien gab die galizianer „Machnaiim". Hier spitzte sich der Kontrast haarscharf zu. Ueber diese Phase soll das Tagebuch treffliche Notizen enthalten. Einige sind mir aus Privatbriefen schon längst bekannt. Die Charakteristik ist prächtig, die Enthüllungen fesselnd, die Form erinnert durch Lebendigkeit und Frische an die gelungensten polemischen Aufsätze Nordaus, die Gedanken sind energisch und vollblütig, das Ganze ein glühender Protest gegen jede Halbheit und Kurzsichtigkeit. Der Hauptreiz dieser literar-historisch interessanten Notizen liegt in ihrer natürlichen Unmittelbarkeit. Die Kongresse boten i eichen Stoff. Treffende Gleichnisse, lebendige Schilderungen, Vorzüge und Mängel kunterbunt gemengt, und immer in der schönen, reinen, kernigen, wohlklingenden Sprache Herzls. Die- Hefte, welche den Zeitraum 1S9S—1901 umfassen, sind sprechende Zeugnisse iür d e romantische Fieberglut, die Herzl beherrschte. Der reichbegabte Dichter schlägt Töne an, ebenso naturwahr als naturschön, spricht Gedanken vom tiefen Gefühle in musterhafter Weise aus. Eine Masse feingeschliffener Apercus gegen „Protestrabbiner" und Kultusvorstände. In der zweiten Periode 1901 —1904 sehen wir Herzl abgeklärt und abgekühlt. Die „Audienzen" sollen einen grossen Teil der Notizen füllen. Die ungemein scharfe Charakterisierung, die äusserst feine Motivierung, der psychologische Unterbau, eine nicht sagbare, nur fühlbare Zutat, die jeder Person ihre eigene Atmosphäre verleiht und die letzte Ausgestaltung gibt, alle diese unvergänglichen Vorzüge der Herzischen Phantasie machen diese Aufzeichnungen zu Meisterwerken ersten Ranges. Manche Striche sind mir vom Erzählen bekannt. Nur ein kleiner Teil wird im Druck erscheinen können. Aber auch dieser kleine Teil wird genügen, einen allgemeinen Irrtum zu widerlegen — und namentlich einen In tum unserer Bet-Hamidrasch-Politiker, die über eine Herzische kunktatorische Diplomatie faselten. Nichts ist irriger als das. Schlicht und einfach war das Auftreten Herzls. Bescheidenheit der Grundzug seines Charakters. Nichts Schwankendes und Verworrenes in den Ideen und Gefühlen, in den Worten und Taten des Fünrers. Nichts geschieht sprungweise, nichts fliegt, wie aus der Pistole geschossen. — Alles wird gewissenhaft vorbereitet und vermittelt..

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