Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Herzl ....... und weiter!
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 529 - 530 (sequence 4)
- Language
- German
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529 Dr. M. Gaster: Herzl . . . und weiter. 530 das einzige, was geschehen müsste, wenn man selbstlos an die Zukunft des Zionismus und die grossen und inhaltschweren Fragen denkt, die so innig damit zusammenhängen. „Se reculer" gilt auch in diesem Falle als die einzig richtige Politik, die wir jetzt befolgen können. Aufräumen, Zusammenfassen, Sichten und Klären ist zunächst die Aufgabe der Zionisten. Es muss allmählich Ruhe in den Gemütern geschaffen werden. Die Aufregung muss sich legen um uns dann in den Stand zu setzen, mit Fassung und ruhiger Ueberlegung die weiteren Schritte zu besprechen, die eventuell unternommen werden sollen. Aufgeben dürfen wir unsere Arbeit nimmermehr. Die einmal gebannte Verzweiflung darf nimmermehr in unser Herz wieder Eingang finden. Die einmal geweckte Hoffnung auf bessere Zeiten, auf frohere Tage für unsere Jugend, darf nicht in den todesähnlichen Schlaf der Vergangenheit zurücksinken. Für diejenigen, die gleich mir denken und hoffen, hat weder Herzl umsonst gelebt, noch ist mit seinem Tode der Zionismus zu Grabe getragen worden. So wie er die Arbeit hinterlassen hat, kann sie jetzt niemand aufnehmen. Es fehlt uns dafür das bindende Glied, die zündende Kraft. Jetzt muss die Ruhe der Sammlung auf die rastlose Tätigkeit folgen. Nicht nur im Sturme und nicht nur im Feuer, und auch nicht nur im Erdbeben ist Gott. Wir haben die Stimme im Sturme und in dem Feuereifer und in der einem Erdbeben ähnlichen nationalen Bewegung gehört. Jetzt ist es die leise Stimme, die um den Horeb klagend, seufzend, tröstend zieht. Auf diese Stimme müssen wir jetzt horchen und uns das Gesicht mit dem Mantel verhüllen. Nur in den erhabenen Bildern der Vergangenheit kann man den Ausdruck für den gegenwärtigen Zustand des Zionismus finden. Nun ist es die Zeit der Ruhe und Stille, wo die Stimme kaum gehört wird. Sie ist aber nicht erloschen. In der Stille der Nacht Rabbiner„Xypen und der inneren Sammlung hören Baseicr wir ehestens die frohe Botschaft der Freiheit und des Sieges. Wir müssen unsere Kräfte aufspeichern und uns langsam für die wichtigen Ereignisse, die unbedingt eintreten müssen, vorbereiten. Wir müssen uns für den Tag rüsten, wo die ruhige Arbeit von Erfolg gekrönt sein wird. Wir müssen die Grundlage festigen, auf welcher sich unser Bau stolz erheben soll: ein freies Volk auf freiem Boden im gelobten und geliebten Lande! Das ist meine Antwort auf: Was weiter? Wie weiter? Darauf muss ein frei gewählter Kongress antworten, wo die Delegierten im vollen Bewusstsein der Tragweite ihrer Beschlüsse die Stimme abgeben, die ihr eigenes Los entscheidet. Es hiesse den Beschlüssen und den Beratungen des Kongresses vorgreifen, wollte ich auch nur versuchen das Wie weiter? zu beleuchten. Eines steht fest: Wir haben keine Thronfolger, noch haben wir Kronprätendenten, und von Diadochen kann keine Rede sein. Die Wahl durch Delegierte macht noch keinen Herzl und schafft keinen neuen gottbegnadeten Führer. Dieser wird geboren, aber nicht gewählt! Der Mann oder die Männer, die durch die Wahl an die Spitze der Bewegung gestellt werden, können nicht die Arbeit da einsetzen, wo sie Herzl hat fallen lassen. Mit bescheideneren Mitteln und mit beschränkterem Programme müssen sie zunächst an die Realisierung der Sammlung und inneren Festigung herantreten. Nur nachdem ihnen das gelungen sein wird — eine wahrhaft grosse Leistung! — kann von einem Weiter überhaupt erst die Rede sein. Einstweilen sitzen auch wir an den Strömen von Babylon und hängen unsere Harfen an den Trauerweiden auf. Zu unserem alten Schmerze gesellt sich der neue! Der Strom trägt noch einige Tränen mehr in die See des unendlichen Leides unseres Volkes. Die Tränen, die unser Volk um Herzl weint . getröstet sein! London, am 9. Ab. und es will nicht aus dem letzten KongTCs«. M. Gaster.