Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1904)
- Article
- Theodor Herzl
- Date
- 1904-08-01
- Page
- Seite 515 - 516 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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515 Wilhelm Goldbaum: Theodor Herzl. 516 Lande der Väter, nach dem Lande ihres einstigen Ruhms und Glaubens. Aus dem Resignierten wurde ein Handelnder, aus dem Schreiber ein Held, aus dem Weltbürger ein Jude. Was muss in dieser stolzen Mannesseele an zehrendem Zweifel und wildem Kampf gewütet haben von den „Wilddieben" bis zum „Judenstaat!" Törichte Leute haben gespottet über diese rapide Wandlung, haben sie missverstanden und verunglimpft mit der billigen Skepsis, die der quietistischen Blasiertheit immer zur Verfügung steht. Andere haben sich damit geholfen, den Schriftsteller gelten zu lassen, den Zionisten als einen Schwarmgeist, wenn nicht gar als einen „betrogenen Betrüger" zu belächeln. Als ob es möglich wäre, eine überlegene Individualität nach Belieben zu spalten, etwas Unteilbares willkürlich zu zerlegen. Nein, das muss man schon, wollend oder nicht, als Gewissheit hinnehmen, dass der Zionistenführer und der Schriftsteller Theodor Herzl von dem Augenblicke, da die erste Zeile des „Judenstaat" niedergeschrieben wurde, unzertrennlich waren, und wie man auch über den politischen Zionismus denken mag, ob man über ihn als eine Utopie die Achseln zuckt oder ihn als geschichtliche Realität auf sich wirken lässt: wer den Schriftsteller Theodor Herzl ernst nimmt, darf dem Zionisten Theodor Herzl den Respekt nicht versagen, denn der Schriftsteller war der Diener des ,»ungekrönten Königs von Zion", seitdem Herzl aufgehört hatte, nur ein Schriftsteller zu sein; die Stücke, wie das ,,neue Ghetto", der Roman „Altneuland", ja sogar die Feuilletons, obwohl er in ihnen nicht gerade heraussagen konnte, was sein ganzes Geistes- und Gemütsleben ausfüllte, mit ihrer feinen ironischen Melancholie, ihrer philosophischen Resignation, ihrem grossen Mitleid — Alles hatte der Agitation für die Verwirklichung seines zionistischen Ideals zu dienen. Was vorher gewesen war, er gab selbst es preis, es war ihm pro nihilo. Freilich, ein Schriftsteller voll Geist und Grazie, voll nachdenklicher Sinnigkeit und formschöner Originalität wäre er trotz zeitweiliger Neigung zu koketter Manieriertheit auch ohne die grosse Wandlung gewesen und geblieben; aber ein Panier für etliche Millionen Menschen .von Johannesburg bis Archangelsk, für die Armen und Verfolgten seines Stammes wäre sein Name nicht geworden, und es hätten nicht zehntausend tiefergriffene Menschen mit tränenden Augen die Gruft umstanden, in welche an dem glühendheissen Julivormittag sein in voller Mannesschöne gefällter Leib hinabgesenkt wurde. Der historische Mensch war er als Zionist, als der Kämpfer und Sprecher des wiederaufgeweckten jüdischen Nationalgefühls, war er nicht als Schriftsteller. Und darum geschah ihm nach dem Tode noch schweres Unrecht von denen, die den Schriftsteller auf Kosten des Zionisten priesen. Gewiss, mit der Feder erschrieb er sich die Stufe, die ihn hinanführte zur Höhe seines historischen Berufs; aber fortleben wird sein Andenken nur durch diesen und durch die vornehme Mannhaftigkeit, mit welcher er ihn ausfüllte und adelte. Ach, die schrift- und talmudkundigen Rabbiner, die ihn leidenschaftlich bekämpften, wissen gar nicht, um wie viel tiefer in die Seele seines Volkes sein Name eingegraben ist als die ihrigen, obwohl er selbst, 'bevor er zum Zionismus aufrief, der Sprache unkundig war, der er das Volk und den Staat, den er träumte, zurückerobern wollte. Sie wissen auch nicht, wie finster es ihm in den Augen, wie verächtlich um die Lippen zuckte, wenn von Assimilation oder von der Notwendigkeit fatalistischen Weiterduldens gesprochen wurde. Ein Eroberer wollte er sein, ein Eroberer menschenwürdigen Daseins für Hunderttausende von Armen, denen er, Blut von ihrem Blute, sich mit seinem Leben verschuldet glaubte. Und Eroberer sterben jung. War seine jäh gefällte Mannesschönheit das Ver sacrum für die Mission, die ihm auferlegt war? Oder war sie nur eine Episode, war er selbst nur ein Gedicht des Weltgeistes, das unverstanden durch die Zeiten klingt? Eine Strecke Wegs sind wir miteinander gewandert, und leuchtend, da ich weiter wandere, bescheint den Pfad mir das Glück, sein Kamerad im journalistischen Berufe gewesen zu sein. Unsere Waffen hatten wir aus verschiedenen Arsenalen und nicht das Nämliche war, wofür wir kämpften. Doch heute dünkt es mir fast blanker Unverstand, dass ich ihm einmal, kurz nach seiner Rückkehr aus Paris, scherzend sagte, er schreibe ein französisch-jüdisches Deutsch. Du lieber Gott, er schrieb aus einer grossen Seele heraus, aus einer sehnsüchtigen, mitleidigen, tapferen Seele, die die Seele eines Volkes war. Und mit dieser wird sein Andenken — das Andenken eines ergreifenden Martyriums oder eines grossen edlen Irrtums, wer weiss es? — fortdauern, unsterblich wie sie.