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Ost und West · 1904-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1904) · p. Seite 513 - 514

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1904)
Article
Theodor Herzl
Date
1904-08-01
Page
Seite 513 - 514 (sequence 2)
Language
German
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513 Wilhelm Goldbaum: Theodor Herzl. 514 Vermächtnis, nicht bloss das Vermächtnis seiner Person, sondern auch das Vermächtnis seines Ideals. Es war plötzlich ein ergreifender Glanz in seinem fahlen Antlitze, von der feinen Stirne bis zu dem tiefschwarzen Barte, ein Glanz wie von einer schimmernden Träne, in der freudiges Selbstgenügen mit heimlichem Herzeleid sich mischt. Ich werde des Eindrucks nimmer ledig werden, so weit ich auch noch ohne ihn mag zu wandern haben. Und als ich zum Abschied seine braune Hand in der meinen hielt, cla ging es mir jäh durch die Seele, dass es der Abschied war von Einem, der das Werkzeug eines grossen, heiligen Schicksals gewesen, eines Schicksals, das in anderem, in modernerem Sinne als in dem des Amsterdamer Rabbinergerichtes sich in dem verhaltenen Schrei auslöste: „ Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude!" Nun suche ich nach Worten, um zu sagen, was mir deutlich geworden ist von dem Wesen und dem Wollen dieses Einen im Verlaufe unserer gemeinsamen Wanderschaft. Es ist eine Gunst, für die ich dem Leben nicht dankbar genug sein kann, dass manche bedeutende Menschen mich ihrer Freundschaft wert befanden. Theodor Herzl nahm unter ihnen einen besonderen Platz ein. Er war eigentlich der einzige historische Mensch, mit dem ich in näheren persönlichen Verkehr gekommen bin. Ein providentieller Mensch oder, wie ich lieber sagen möchte, ein geschichtlicher Mensch, weil sein persönliches Schicksal ihm die Verantwortung und den Dienst für so viele andere Schicksale auferlegte. Wie das geschah, darüber Hesse sich ein ganzer Band tiefsinniger Psychologie zustande bringen. Er war ein geborener Ungar und anscheinend zum internationalen Menschen prädestiniert, wie so viele seiner jüdischen Landsleute, wie Ludwig Hevesi, Max Nordau, die deutscher Bildung teilhaftig wurden, bevor in Ungarn die Nationalstaatsidee zur Alleinherrschaft gelangte. Sie sind allesamt ungarische Kosmopoliten von überwiegend deutscher Bildung. Theodor Herzl stammte aus wohlhabendem Hause, war davor bewahrt, die „gemeine Deutlichkeit der Dinge" an sich selbst in mühsamem Ringen um das tägliche Brot zu erfahren. Dabei auffallend schön von Antlitz und Gestalt, auffallend auch geistig begabt und frühzeitig in mehreren modernen Sprachen geübt. So absolvierte er das Gymnasium und in Wien die Universität, so betrat er die juristische Laufbahn als Rechtspraktikant in Salzburg. Dass er ein Jude war, kam ihm kaum zum Bewusstsein, geschweige, dass er dereinst berufen sein sollte, nur ein Jude und gar ein Führer der Juden zu sein. Vielleicht mag, als er auf die richterliche Karriere wegen ihrer Aussichtslosigkeit verzichtete, zu dem verletzten Stolze sich das Mitleid gesellt haben, das Mitleid mit sich selbst und mit den vielen jüdischen Schicksalsgenossen, die notgedrungen zur Advokatur ihre Zuflucht nahmen. Aber das war bei weitem noch nicht das grosse, uneigennützige Mitleid mit seinem ganzen Stamme, das ihn später erfüllte, bei weitem noch nicht der grosse selbstlose Stolz, mit dem er sich einer historischen Mission bewusst wurde. Er schrieb Stücke, Feuilletons, Novellen, im Verein mit Hugo Wittmann sogar ein Lustspiel ,,Die Wilddiebe'*, das ihm die Pforten des Burgtheaters und die Aussicht weiterer dramatischer Erfolge eröffnete. Nach Stil und Stoff schon damals Einer für sich, von denen Einer, welchen eine mehr oder minder lockende Residenz in der Literaturgeschichte winkt. Aber wie gering ist man als literaturhistorischer Mensch, wenn man erst einmal von einer schlechthin historischen Rolle zu träumen beginnt? Von der Rolle eines handelnden, eines führenden historischen und nicht bloss eines schreibenden Menschen? Und der Traum stellte sich ein in der kosmopolitischesten Stadt der Welt, in Paris, wo er den Dienst eines Korrespondenten der „Neuen Freien Presse" versah, während der Dreyfus- Affäre, die täglich und stündlich an ihm rüttelte, eben weil er über sie zu berichten hatte. Da kam über den schönen, von keiner materiellen Notdurft gehemmten, internationalen Mann das grosse, uneigennützige Mitleid, für das der arme jüdische Hauptmann-Märtyrer nur ein Paradigma war, da bäumte sich in ihm der grosse selbstlose Ehrgeiz auf, es nach zutun der alten Weisung: „Ich will euch führen hinter mir her durch die Wüste in ein unbebautes Land", da wuchs ihm aus der tatlosen, mit leichter fatalistischer Ironie gemischten Melancholie das wundersame Bild des neuen Zion vor den heissen, lechzenden Augen empor. Und es vollzog sich die merkwürdigste aller Wandlungen, durch die ein Menschenkind hindurchgehen kann; aus dem internationalen Menschen wurde ein nationaler Mensch, noch dazu einer, der eine halbentschlafene Nation erst aufwecken, sie erst wiederum zur bewussten Nation machen wollte, mit lebendigem Heimatsgefühl und dürstendem Verlangen nach dem alten

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