Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Eliah, der Prophet
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 487 - 488 (sequence 7)
- Language
- German
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4.87. Bar-Ami: Eliah, der Prophet» 488 scherzhaft einen Dieb bezeichnen, ohne jedoch den Ursprung des Wortes zu kennen, welches in der slavischen Sprache nicht mehr vorzukommen scheint. Wie man sieht, ist der Glaube an das Vorhandensein einer Zaubermünze, der die Kraft innewohnt, ihrem Besitzer Reichtümer zuzuführen, alt und weit verbreitet. Es überwiegt hierbei die Vorstellung, dass die Glücksmünze ihrem Besitzer fremdes Geld auf unredliche oder direkt diebische Weise in die Tasche lockt, demgemäss kann man die Münze auch nur vom „Unreinen" durch einen betrügerischen Handel oder auf gewaltsame Art, durch Zaubermittel erhalten. Hierbei fliessen die mittelalterlichen Vorstellungen vom Teufel, vom Juden und vom ewigen Juden charakteristisch genug ineinander. Die Münze muss ausgegeben, also gleichsam auf die Jagd ausgeschickt werden, um Beute heimzuholen. Daneben geht auch eine zweite Vorstellung, wonach die Glücksmünze von einer guten Macht, von einem Gott (Wuotan) oder einer Göttin (Maria) verliehen wird, dass auf der Münze ein Segen ruht (Segentaler). Man muss die Münze daher behalten, gleichsam als Talisman, als Wächter des Geldes. Freilich mag auch hier noch der primitivere Glaube durchschimmern, dass der Münze die Kraft innewohnt, anderes Geld anzuziehen, wenngleich dies nicht mehr auf unredliche Weise zu geschehen braucht. Im Thalmud findet sich keine Spur von dem Glauben an Zaubermünzen, obgleich dort von der Zauberkraft der Metalle vielfach die Rede ist (vgl. Berachoth 6 a, Joma 84 a, Taanith 70 b, Gittin 56 b, Niddah 17 a ff.), wobei allerdings der Klang des Metalls das Zaubermittel zu sein scheint. (Blau, Das alijüdische Zauberwesen, S. 159.) Die Vorstellung von der Zaubermünze scheint also bei den Juden erst in spätere Zeit, von aussen herkommend, sich eingebürgert zu haben. Doch findet sich im jüdischen Volksglauben nur die zweite der oben erwähnten Vorstellungsarten von dem Ursprung und der Kraft der Glücksmünze. Der Ueberbringer ist hier Eliah, der Prophet, der Freund der Kinder und der Armen, der Bringer alles Guten und Schönen. Er schenkt einem eine Münze, auf der der „Segen Gottes" ruht. Die ..Berachah" ist auch sonst dem jüdischen Volksglauben geläufig. Zuweilen kommt sie in die Speisekammer, in das Oel- oder Weinfass, oder auch in die Geldtruhe. Dann sieht sich der Mensch unvermutet in dem Besitz einer ungeahnten Fülle von dem betreffenden Gegenstand. Er schöpft und schöpft, und es will gar kein Ende nehmen, bis er ungeduldig ausruft: „Ist's denn noch immer nicht zu Ende?" Dann hört's plötzlich auf. Seit dem Auttauchen und der Ausbreitung des Chassidismus haben die Wunderrabbis, wie wir weiter unten sehen werden, viele ehedem ausschliesslich Eliah, dem Propheten, zustehende Funktionen übernommen, unter anderen auch das Verleihen von glückbringenden Münzen. Der Wunderrabbi schenkt dem Pilger die kleinste der vor ihm auf dem Tisch ausgebreiteten, ihm als „Pidjon" dargebrachten Münzen, aber auch häufig eine nicht mehr geltende Münze, die der Beschenkte als segenbringend aufbewahrt, oftmals auch noch den Nachkommen vererbt. Die Wahl der kleinsten oder einer nicht mehr geltenden Münze geschieht wohl zunächt aus praktischen Gründen, doch scheint sich darin auch die Vorstellung auszudrücken, dass das Geldstück an sich wertlos und nur gleichsam als Symbol des darauf ruhenden göttlichen Segens anzusehen sei. — Als vollendeter Humorist erscheint Eliah, der Prophet, in folgender hübschen kleinen Volkserzählung. Auf einer reichen Hochzeit kam einmal zur Seüdah ein armer Mann in zerrissenen Kleidern und setzte sich zu Tische. Da kam einer der geladenen Gäste, setzte sich neben ihn und sagte: „Wollt Ihr nicht gefälligst etwas weiter rücken, Freund?" Dann kam ein zweiter: „Rückt doch nur gefälligst ein bisschen weiter!" Dann kam ein Dritter und ein Vierter, bis der arme Mann am Ende schon ganz bei der Türe sass. Schliesslich kam einer der Diener herbei, packte ihn beim Kragen uDd warf ihn einfach zur Tür hinaus. Bald darauf trat ein schöner, hochgewachsener Mann herein, in prächtigem Seidentalar, eine Zobelmütze aur dem Haupte, in der Hand einen Stab mit goldenem Griff. Da erhoben sich alle Anwesenden und begrüssten ihn ehrfurchtsvoll, denn sie erkannten in ihm einen weitläufigen Verwandten. „Schalom alechemL Wie ists euch all die Zeit ergangen? Setzt euch doch, bitte! Trinkt ein Gläschen Wein!" und dergleichen Redensarten mehr. Der Gast setzte sich zu Tische,, aber alle Speisen und Getränke, die man ihm vorsetzte, schüttete er auf seinen Seidentalar, seine Zobelmütze, seinen goldbeschlagenen Stab. Die verwunderten Tischgenossen konnten nicht länger an sich halten und befragten den Gast ob seines sonderbaren Betragens. Dieser lächelte und antwortete: „Gilt denn die Ehre, die ihr mir erweist, nicht ausschliesslich meinem Seidentalar, meiner Zobelmütze und meinem goldbeschlagenen Stab? . . . Habt ihr mich etwa nicht soeben noch an die Luft setzen lassen, als ich in ärmlicher Kleidung unter euch erschienen war?" . . . Sprach's, und verschwand. Das war Eliah, der Prophet. (Schluss folgt.)