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Ost und West · 1904-07-01 · Heft 7 (Juli 1904) · p. Seite 477 - 478

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 7 (Juli 1904)
Article
Eliah, der Prophet
Date
1904-07-01
Page
Seite 477 - 478 (sequence 2)
Language
German
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477 Bar-Ami: Eliah, der Prophet. 478 nur insofern berücksichtigt werden, als sie oftmals den Faden liefeiten, an den die neuere Sage anknüpfte, um ihn weiterzuspinnen. Allein, nicht bloss für das Studium des Seelenlebens und der intimsten Eigenart des jüdischen Volkes sind diese Eliah-Legenden, sowie die ganze lebendige, literarisch noch nicht petrifizierte Sagen- und Märchenwelt der Juden von hoher Wichtigkeit; sie bieten dem Forscher auch eine reiche Ausbeute für die allgemeine vergleichende Sagen- und Volkskunde. Bekanntlich wandern Sagenkeime, gleichwie der Blütenstaub mancher Pflanzen, von einem geheimnisvollen Windhauch getragen, von einem Volk zum andern, oft über Länder und Meere hinweg, und je nach der Eigenart des Erdreichs, in das sie fallen, entfalten sie sich zu verschiedenfarbigen Blumen. Die auf jüdischem Boden emporgeblühten haben leider von der Wissenschaft bisher so gut wie gar keine Beachtung gefunden; vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, die Forscher zu veranlassen, sie zu pflücken und zu sammeln, ehe die rauhen Stürme der Gegenwart sie, vielleicht für immer, zum Verwelken bringen. * * * Wir beginnen mit folgender äusserst charakteristischer Sage: An einem Rüsttage des Jörn Kippur war es. Zwei Bachurim einer grossen Jeschibah hatten aus Eifer und Begierde, sich immer mehr in die göttliche Lehre zu vertiefen, es vorgezogen, in der Nähe ihres Meisters zu bleiben, anstatt auf die hohen Feiertage zu den Ihrigen zu reisen. Sie lernten also zu zweien Tag und Nacht unermüdlich. Just an jenem Tage waren sie auf ein schwieriges Problem gestossen, dessen Aufhellung ihnen viel Kopfzerbrechens verursachte. Sie disputierten lange, schlugen alle Bücher nach, forschten und disputierten von neuem, so dass sie darüber Essen und Trinken vergassen, und fanden es nicht heraus und verwickelten sich nur immer tiefer. Der Abend nahte heran, und sie konnten sich nicht losreissen. Nun war es aber schon höchste Zeit, sich zum Abendgottesdienst des Versöhnungstages zu rüsten. In der Synagoge hatten die Leute schon angefangen, sich zu versammeln. Zur Kol Nidre war nur noch ein kurzes Stündchen. Unsere beiden lernbegierigen Bachurim, denen eine Menge scharfsinniger Einfälle im Kopfe herumgingen, konnten sich in ihrem Eifer nicht entschliessen, die Fortsetzung ihrer Disputation auf den Tag nach Jörn Kippur zu yerschieben. Sie schlichen sich also in eine dunkle Bücherstube, zündeten einen kleinen Lichtstumpf an und sagten sich: „Dieses Stückchen Kerze wird gerade so lange reichen, bis drüben der Gottesdienst beginnt. Wenn es erlischt, brechen wir ab und eilen hinaus, um mit der Gemeinde zu beten." Mittlerweile verwickelten sie sich immer tiefer in ihre gelehrten Auseinandersetzungen, jeder schleppte immer mehr Bücher herbei, um die Richtigkeit seiner Ansicht zu beweisen, sie vergassen, wo sie sich befanden und die ganze Welt rings umher, und der Lichtstumpf brannte und brannte und wollte nicht aufhören. Das war aber natürlich Satans Werk, der sie dazu verleiten wollte, den Versöhnungstag vergnüglich bei einem anregenden und hitzigen Gelehrtenstreit, anstatt in Busse und Zerknirschung beim Gottesdienst zu verbringen und die Vergebung der Sünden zu erlangen. Sie disputierten also ohne Unterlass und merkten nichts, bis auf einmal die Kerze niedergebrannt war und erlosch. Ohne etwas zu ahnen, klappten sie nun ihre Bücher schleunigst zusammen und liefen hinüber, um noch rechtzeitig zu Kol Nidre anzulangen. An der Türe strömte ihnen eine dichte Menschenmenge entgegen, die Leute hatten Kittel und Talith zusammengefaltet auf dem Arm, waren frohgelaunt und aufgeräumt und beglückwünschten sich gegenseitig zum neuen Jahr. Der Jörn Kippur war eben zu Ende!' Nun erst merkten die beiden Bachurim, dass sie volle 24 Stunden dort in der Kammer bei müssigem Streit zugebracht und den ganzen Jörn Kippur verfehlt hatten. Ein grosser Schrecken ergriff sie, als sie überdachten, wer da die Hand im Spiele haben mochte, und in was für eine Falle sie geraten waren. In ihrer grossen Seelenangst stürzten sie zu ihrem Lehrer hin und bekannten ihm alles. Dieser rief: „Seid ruhig, ich bleibe bei Euch. Wenn es uns gelingt, noch sieben Männer zu bewegen, dass sie mit uns ausharren, beginnen wir das Gebet von neuem und halten einen zweiten Jörn Kippur ab, wie Gott es befiehlt, und alles wird wieder gut werden." Sie fingen nun an, unter der Menge von einem zum andern umherzugehen und flehten die Leute an, mit ihnen zu bleiben. Doch keiner wollte etwas davon hören. Wer hätte auch nach 24stündigem, ununterbrochenem Fasten und Beten alles von vorne begonnen? Die Synagoge hatte sich inzwischen völlig geleert, und die Drei standen da in grosser Seelenpein und wussten nicht, was anzufangen. Plötzlich erblickten sie in einem Winkel ein kleines altes Männlein, welches an die Wand lehnte und zu schlummern schien. Sie gingen auf ihn zu und trugen ihm ihr Verlangen vor. Der aber fing an zu lachen. „Ihr haltet mich wohl zum Narren. Ihr tut nur so, um Euer böses Gewissen zu beruhigen, weil Ihr ganz sicher glaubt, dass kein Mensch imstande wäre, sieb dazu zu entschliessen, aber es ist Euch gar nicht ernst darum." Als sie ihm aber hoch und heilig beteuerten, dass sie fest entschlossen seien, ihren Vorsatz auszuführen, und es wäre ihnen nur darum zu tun, ein „Minjan" zusammenzubringen, rief er: „Gut denn. Wartet eine Weile, ich gehe nur hinaus und bringe weitere sechs Männer zusammen." In der Tat erschien das winzige, kleine Männchen bald in der Begleitung von sechs Männern, und der Gottesdienst begann. Sie beteten und sangen alles der Reihe nach, wie es vorgeschrieben ist, und obgleich die Mattigkeit sie oftmals zu übermannen drohte, so boten sie alle Kräfte auf, um nicht der

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