Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Die mosaische Gesetzgebung im Lichte des Codex Hammurabi
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 447 - 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583918-2583926-2590383--04088-2590463- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
447 Dr. M. Schorn Die mosaische Gesetzgebung im Lichte des Codex Hammurabi. 448 relative bleiben, auch bei der altisraelitischen. Das historische Moment darf man auch hier nicht aus den Augen verlieren, wenn man nicht anders durch Superlative Schätzung geblendet, im vorhinein auf Wissenschafllichkeit verzichtet. Jüdische Forscher fallen oft in dieser Beziehung den christlichen gegenüber von einem Extrem ins andere. Diese kurzen allgemeinen Bemerkungen müssen gerade bei der Besprechung des Sklavengesetzes vorangeschickt werden, um gewissen Einwänden, wie z. B. betreffs der Unterscheidung von israelitischen und ausländischen Sklaven im vorhinein zu begegnen. In das hellste Licht ist gleich die erste Bestimmung des Sklavengesetzes gerückt, mit der die eigentliche mosaische Gesetzgebung beginnt, nicht bloss durch ihren Inhalt, sondern nicht minder durch die Stellung, die sie in der Reihe der Gesetze einnimmt. Wir lesen Exod. 22, V. 1 ff.: „Und das sind die Gesetze, welche du ihnen vorlegen wirst: Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, sechs Jahre soll er dienen, im siebenten aber frei ausgehen, unentgeltlich .... (V. 5): Wenn aber der Sklave spricht: „Ich liebe meinen Herrn, meine Frau und meine Kinder, ich mag nicht frei ausgehen", dann lühre ihn sein Herr vor Gott, man führe ihn vor die Tür oder vor die Türpfosten, und es durchsteche sein Herr sein Ohr mit einem Pfriemen, und dann diene er ihm ewig (sein Leben lang)". Wer hätte vor der Entdeckung des Gesetzbuches Hammurabis geahnt, dass Moses, indem er die Bestimmung über die Sklaven an die erste Stelle setzte, eine gewissermassen ,,die Weltordnung umstürzende Aenderung" vorgenommen hat? Die Beleuchtung, in welche dieses Sklavengesetz nun mit einem Mal sowohl durch seinen Inhalt, wie auch durch seine Stellung unter den Gesetzen überhaupt, gerückt worden ist, ist eine so überraschende und so inhaltsschwere, dass sie am liebsten mit den eigenen Worten Müllers geschildert werden soll, die im ganzen Buch auf denLeser dennachhaltigstenEindruckübenmüssen: „In einen hässlichenMisston klingt das Gesetzbuch Hammurabis aus: ,,Wenn ein Sklave zu seinem Herrn spricht: „Du bist nicht mein Herr", wird ihm sein Herr, sobald man ihn als seinen Sklaven überführt, sein Ohr abschneiden." Das Gesetz, als dessen letztes Ziel bestimmt worden war, „damit der Starke den Schwachen nicht schädige", schliesst mit einer Drohung gegen den Schwächsten der. Schwachen — den Sklaven .... Der grösste Prophet und der bescheidenste der Menschen, Moses, der das Elend und die Sklaverei von der Nähe kennen gelernt hat, und der die Gesetze der alten Völker wohl kannte, erhebt einen Protest gegen diese Gesetze, in denen die Menschen nach Klassen und Kasten eingeordnet werden. Sein Protest ist bescheiden und gewaltig. An die Spitze des alten, aus der Urzeit überkommenen Gesetzes, welches er mit gewissen Aenderungen seinem Volke vorgelegt hat, setzt er die Bestimmung über den Sklaven. „Die letzten sollen die ersten sein" in dem Gesetze, daher sagt er: Wenn aber der Sklave erklärt: „Ich habe meinen Herrn, mein Weib und meine Kinder lieb, ich mag nicht frei werden", führt ihn sein Herr vor Gott (den Richter), stellt ihn an die Tür oder den Türpfosten und bohrt ihm das Ohr mit einem Pfriemen durch, und er soll dann für immer sein Sklave sein. Dort bei Hammurabi erinnert sich das Gesetz ganz zuletzt, dass der Sklave, der sonst als Sache behandelt wird, auch ein Mensch ist und lässt ihm, wenn er nicht Sklave sein will, die Ohren abschneiden; hier im Exodus wird dem Sklaven, der Sklave bleiben will, weil er seinen Herrn liebt, sein Wunsch gewährt, aber er wird öffentlich vor Gericht an dem Ohr markiert dafür, dass er Sklave bleiben will, wie die Alten es so schön deuten: Das Ohr, das am Sinai die Donnerstimme gehört hat: „Ihr seid meine (Gottes) Knechte", soll jetzt, da er des Menschen Knecht bleiben will, gebohrt werden. Vergleicht man den Schluss des Hammurabi- Kodex mit dem Beginn des Bundesbuches, so wird man erkennen, wie das neue mosaische Gesetz über den Sklaven mit dem alten, wahrscheinlich in ganz Vorderasien herrschenden Sklavenrecht zusammen - hängt, man wird aber dadurch den ethischen sozial-politischen Abstand zwischen beiden Gesetzen ermessen können."1)!) Müller 1. c. S. 204. (Schluss folgt.) Sines jfuden Lied. Das bat mich um den 6lanz gebracht Die JVIenscbeii waren schwer wie Blei, Und um das ^rö bliebsein: CClo meine GCHege stand, Die Kindheit war mir überdacht Und wussten nicht, was Liebe sei, Ton JSacbt und 6eelenpein. Und nicht, was Taterland . . . Dass meine jviutter nie gelacht, Huch nicht im Sonnenschein: Das hat mich um den Lenz gebracht Wien* Und um das 6lücklichsein. ]VI, Scberlag«