Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1904)
- Article
- Unsere Lage
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 439 - 440 (sequence 4)
- Language
- German
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439 Dr. S. Bernfeld: Unsere Lage. 440 danterie vermissen liess, der scharfsinnige, in der talmudischen Dialektik erzogene Rapaport und der poetisch begabte, in der Schönheit der jüdischen und der heidnischen Antike schwelgende Luzzatto. Jeder von ihnen war anders geartet und brachte besondere Eigenschaft mit; aber in gemeinschaftlicher Arbeit haben sie etwas geschaffen, von dem wir nichts entbehren möchten. Gerade diese Mischung war nützlich und wertvoll. Fast in allen Ländern-Westeuropas und auch in Amerika regt sich zurzeit unter den Juden neues geistiges Leben, was wir natürlich nur mit grosser Freude und Genugtuung begrüssen. In Deutschland zeigt diese Regung grosse Mannigfaltigkeit, und auch dies ist äusserst erfreulich. Denn es zeigt uns, dass die Bewegung keine künstlich geschaffene, von aussen mühsam hineingetragene ist, sondern einem inneren Gefühl entspricht und aus einem wirklichen Bedürfnis hervorgeht. Man muss diese Dinge stets total nehmen und von den Einzelheiten absehen. Wetteifer und Wettstreit haben auf diesem Gebiete niemals geschadet, sondern im Gegenteil die Kräfte zu grösserer Leistung angespornt. Aber nach einer Richtung sehen wir doch einen weitgehenden Unterschied zwischen den Kulturbestrebungen der osteuropäischen Judenheit und jenen der Juden im Westen. Die materiellen Mittel, die unseren osteuropäischen Stammesbrüdern zu Gebote stehen, sind mehr als bescheiden; sie sind geradezu armselig zu nennen. Es ist noch ein grosses Wunder, dass auch diese winzigen Mittel von ihnen aufgebracht werden, um mitten in der wirtschaftlichen Not die geistigen Güter pflegen zu können. Grosses kann daher nicht geschaffen werden, aber was doch geleistet wird, ist volkstümlicher und gehört den breiten Massen der Bevölkerung. Auch ist es nicht gering im Wert anzuschlagen, dass die Pflege und Fortbildung der hebräischen Sprache ausschliesslich den osteuropäischen Juden obliegt. Ich halte es unter diesen Umständen für eine heilige Pflicht der gesamten Judenheit, angesichts der wirtschaftlichen Notlage der Juden im Osten einen Teil dieser Last auf sich zu nehmen. Wir dürfen niemals ausser acht lassen, dass die Pflege der hebräischen Sprache die Grundlage für die Erhaltung des Judentums abgibt. Freilich masst man sich im anderen Lager an, dies besser und gründlicher tun zu können als wir; aber es müsste uns nachgerade klar geworden sein, wie und zu welchem Zwecke es drüben geschieht. Zu keiner Zeit ist die sogenannte „wissenschaftliche" Bekämpfung und Herabsetzung des Judentums so intensiv betrieben worden, wie gerade jetzt. Es muss uns somit einleuchten, dass es nicht angeht, die Sprache unserer Geschichtsquelle unsererseits zu vernachlässigen und uns dabei zu beruhigen, dass sich andere deren Kenntnis angeeignet haben. Abgesehen davon, dass es mit dieser Kenntnis, trotzdem sie so anspruchsvoll auftritt, nicht weit her ist. Im Westenfehlt esleider allen Unternehmungen, die Wissenschaft des Judentums zu fördern, an Volkstümlichkeit. Sowohl die Geldmittel wie die wissenschaftlichen Arbeiten werden von einer kleinen Zahl geleistet. Es soll dies kein Vorwurf und noch weniger eine Herabsetzung der guten Absichten und der lobenswerten Bestrebungen sein, sondern ein Hinweis darauf, dass schliesslich der Hauptzweck nicht erreicht wird, wenn man die gründliche Kenntnis des Judentums auf einen engen Kreis von Fachmännern beschränkt. Gewiss kann man diese fachmännischen Arbeiten nicht entbehren, und ihr Wert ist nicht hoch genug einzuschätzen. Aber wir verfallen in den Fehler der früheren Dezennien, wenn wir das Judentum zu einer Art archäologischer Forschung machen, oder wenn wir gar die Absicht zeigen, nach aussenhin belehrend zu wirken. Die Aussenstehenden werden wir nicht belehren, weil sie nicht belehrt sein wollen. In unserer eigenen Mitte aber wird niemals die gewünschte und ersehnte Besserung eintreten, solange wir nicht dafür sorgen, dass das Judentum, wie es ehedem der Fall war, in den breiten Volksmassen gekannt wird. Durch das Schwinden dieser Kenntnis in den grossen Volksschichten sind wir zu den traurigen Zuständen gelangt, dass ausserhalb der Synagoge vom Judentum nichts zu merken ist, und auch in der Synagoge ist die Wirkung eine äusserst beschränkte. Das Lehrhaus stand bei uns stets höher als selbst das Bethaus, und jedenfalls war Synagoge ohne Lehrhaus in der Zeit, wo das Judentum noch ein lebensvoller Gedanke war, undenkbar. Bei den reichen Mitteln, über die unsere westeuropäischen Stammesgenossen, denen ein grosser Teil der amerikanischen Juden zugezählt werden kann, verfügen, können sie wohl höhere Ansprüche an ihre Kraft und ihre Leistungsfähigkeit stellen. Da ist die Bescheidenheit übel angebracht. Man hat zurzeit das Gefühl, dass wir am