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Ost und West · 1904-06-01 · Heft 6 (Juni 1904) · p. Seite 429 - 430

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Journal
Ost und West
Volume
4 (1904)
Issue
Heft 6 (Juni 1904)
Article
Das jüdische Philanthropin zu Frankfurt a. M.
Date
1904-06-01
Page
Seite 429 - 430 (sequence 2)
Language
German
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429 Johannes Giskala: Das jüdische Phil an tropin zu Frankfurt a. M. 430 Aber anderen erschloss sich ein neues Leben. Carl Ritter, der spätere Begründer der modernen Geographie, rühmt in einem Briefe vom 2. Januar 1807: Die Knaben bestätigten mir auch hier, dass die jüdische Nation voll herrlicher Anlagen und Geisteskräfte, trotz des Druckes, unter dem sie seufzte, geblieben ist. Und Goethe folgte mit gespanntem Interesse den Mitteilungen Bettinas — „des Kindes", des Protektors und „kleinen Nothelfers der Juden". Die Zahl der Schüler und (seit der Eröffnung der Mädchenschule 1810) auch die Zahl der Schülerinnen nahm stetig zu. 1804 waren es kaum zehn Schüler — nach zehn Jahren schon mehrere Hunderte. Und zugleich mit dieser Vergrösserung wuchs das Lehrerkollegium, das in seinen Reihen Männer aufweisen konnte und kann von hohem Klang in der Wissenschaft, von bestimmender Bedeutung im neujüdischen Leben: Michael Hess, M. Creizenach, Johlson, Isaac Markus Jost, Lazarus Geiger, Jakob Auerbach, Siegmund Stern, Baerwald, Bielschowsky u. v. a. War aber durch die Meister der Wissenschaft das Bildungsniveau in die Höhe getrieben worden und die Anstalt zu einer Musterschule im Lehren und Lernen geworden — so haben die Vertreter der „jüdischen" Disziplinen ihrem fanatischen Reformereifer hier die Zügel schiessen lassen und ganze Generationen zur Entjudung geführt. Sie haben die sonntäglichen Andachten mit Orgelklang und Gesangbüchern und erbaulichen Reden eingeführt und die prächtigste Blüte der Entjudung, „die Konfirmation", zur Entfaltung gebracht. In der Geschichte der Assimilation und der knechtischen Anlehnung an christlichen Brauch stellt das Philantropin ein treibendes Moment erster Ordnung dar. Allein wir dürfen heut, wo die Anstalt auf ein Jahrhundert der Arbeit zurückblickt, nicht vergessen, wieviel sie dazu beigetragen hat, den Juden die festgefügte Bildung der Zeit zu übermitteln und sie für das Leben und seine Kämpfe auszurüsten. Ist auch heut aus lokalen und tiefer liegenden Gründen — die gewissermassen das Endprodukt der Philanthropinerziehung darstellen: die Abneigung der liberalen Reform gegen konfessionelle Schulen—die Schule im steten Rückgang, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass der neue Kurs in der preussischen Schulverwaltung dem Philanthropin einen neuerlichen Aufschwung bringen wird. NOTIZEN UND Arnold Lachowski. Wir bringen heute Reproduktionen nach Studien eines jungen jüdischen Künstlers Arnold Lachowski aus Odessa. Es sind verheissungsvolle Anfänge, die in ihrer scharfen Beobachtung und ihrer psychologischvertieften Auffassung uns mit grossen Hoffnungen auf einen neuen ernsten Schilderer jüdischen Lebens und jüdischer Seele erfüllen. — * * * Die Odessaer „ Gesellschaft zur Unterstützung der Ackerbauer und Handwerker in Palästina" veröffentlicht das folgende Preisausschreiben: Es soll bis zum 1. Juli ein Diplom in Schwarz- Weiss für die Mitglieder der Gesellschaft gezeichnet werden, in dem symbolisch die leitende Idee ausgedrückt wird, die unsere Pioniere in Palästina antrieb und ihnen die Kraft gab, aus Liebe zum Lande unserer Väter alle Unbilden zu ertragen. Der Text muss hebräisch sein. Für die beste Zeichnung erteilt das Komitee einePrämie von 200Rubeln,die zweitbeste25Rubel. APHORISMEN. Näheres zu erfragen bei Herrn Dr. Sapir, Odessa, Gr. Arnautskaja 59. * * * Dem Juden von einst wurde die Religion eine Sache des Volkes, dem Juden von heute wird die Volkssache zur Religion. * * * Der vollkommene Assimilant im antisemitischen Lande gleicht dem Hausierer, der aus einer Tür hinausgeworfen wird und durch dieandere hineinkommt. Ein Unterschied ist demnach vorhanden: der Assimilant bietet als Ware — sich selbst an. * * * Die Aegypter wollten die Juden nicht aus dem Lande lassen, weil sie Sklaven brauchten; die heutigen Völker geben ihnen den Laufpass, weil die Sklaverei aufgehoben ist. * * * Wenn Juden beisammen sind, will ein jeder der erste sein. Das kommt wohl daher, weil sie sich draussen alle ducken müssen. Wenn das „sich ducken*' aufhört, hört wohl auch die Herrschsucht auf. A. Licht.

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