Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 4 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Andras Osianders Schrift über die Blutbeschuldigung
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 405 - 406 (sequence 4)
- Language
- German
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405 Aug. Wünsche: Andreas Oslanders Schrift über die Blutbeschuldigung. 406 büchlins Verlegung: darin ain Christ, gantzer Christenhait zu schmach, will es geschehe den Juden unrecht inbezichtigung der Christen kinder mordt." Den wirklichen Titel: „Ob es war und glaublich sey? dass die Juden der Christen kinder heymlich erwürgen und jr blut gebrauchen" verschweigt er absichtlich. Wie heute derjenige, welcher in Sachen der Blutbeschuldigung das Wort nimmt und den Nachweis führt, dass im gesamten Schrifttum der Juden über den Gebrauch von Menschenblut zu rituellen Zwecken absolut nichts zu finden sei, wie ferner auch die Annahme, der Blutgebrauch beruhe auf einer mündlich fortgepflanzten Gelieimlehre, in das Reich der Fabel gehöre, von den Antisemiten sofort als „Jude14 oder als von den „Juden bestochen" hingestellt wird*), so erging es auch Andreas Osiander mit seiner Verteidigungsschrift. Eck nannte ihn einen „Spitzbuben, aus dem der Teufel rede", einen „verruchten Schänder der Christenheit", einen „Zungenverkäufer" und einen „Judenvater". In ähnlicher Wreise fasste auch die vor Wut schäumende Theologenkonferenz zu Frankfurt a. 0. ihre Ansicht über den Verfasser in das Urteil zusammen: „Er ist ein Jude gewest, er ist ein Jüde und bleibt ein Jüde." Doch damit nicht genug, dass Eck über den protestantischen Autor seinen Ingrimm ergiesst und alles, was er vorträgt, in den Kot zieht, er schimpft auch weidlich über die Juden selbst und erzählt, „was Übels und büeberei" sie „in allem teutschen land und anderen Künigreichen gestift haben." *) Schreiber dieser Zeilen hat es an sich selbst erfahren müssen, dass seiner Zeit A. Rohling in der Schrift: „Die Polemik und das Menschenopfer des Rabbmisinus", Paderborn 1883, S. 4, ihn einen bekannten Juden nannte, „der sich einer protestantischen Denomination beilegte.* Wie eingangs bemerkt, galt Oslanders Schrift für verloren, denn sie war in keiner grossen Bücherei zu finden, selbst in Ecks Bibliothek in München, wo sie doch eigentlich sein musste, war sie nicht vorhanden. Doch das Auge der Vorsehung hat über dem herrlichen Schriftdenkmal aus der Reformationszeit gewacht. Eines Tages sah Moritz Stern in einem Katalog eines Hamburger Buchhändlers eine Anzeige, die nur den anonymen Titel und als Druckjahr ca. 1520 angab. Es musste Oslanders Verteidigungsschrift sein, und sie war es wirklich. Der Buchhändler hatte sie ohne Kenntnis ihres "Wertes in einer Leipziger Kunstauktion erworben. Die Schrift liegt jetzt in einem schönen Neudruck vor, der in Höhe und Breite des Druckformates, wie in den Druckfehlern, die aber keineswegs sinnstörend wirken, mit dem Original übereinstimmt, nur an Stelle der alten Frakturtypen sind moderne lateinische Typen getreten. Wer Freude an dem hochwichtigen Funde hat, dem raten wir, die kleine Schrift von 44 Seiten klein Oktav zu lesen. In erster Linie sollten Juristen das Büchlein aufmerksam studieren, da die ausgespielten Ritualmorde vor ihr Forum gehören. Wir sind fest überzeugt, dass der eine oder andere der aufgeführten Gründe heute noch seine Beweiskraft dartun würde. Uebrigens sollten die Leute, welche einen seltsamen Mord als Ritualmord verdächtigen, ganz besonders nach Lebensweise, Charakter und Gesinnung einer scharfen Untersuchung unterworfen werden. Seltsam bleibt es immer, dass die in den letzten 10 Jahren zur Verhandlung gekommenen Ritualmordprozesse sich in Gegenden mit einer sehr konfessionell gemischten Bevölkerung abgespielt haben. CHAJJIM SELK (29. März 1810 b Von Dr. S. Aus einem Zeitalter, das längst entschwunden ist, nachdem es die herrlichsten und köstlichsten Früchte gezeitigt hat, ragte ein Mann zu uns herüber, dessen Leben eigenartig und merkwürdig, dessen Begabung erstaunlich war: Chajjim Selig Sionimski, der vor wenigen Tagen im Alter von vierundneunzig Jahren heimgegangen ist. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als kenntnisreiche, hochbegabte und opferfreudige Männer der Judenheit den schönen Bau der Wissenschaft des Judentums aus eigener Kraft aufführten, gehörte Sionimski zu den tüchtigsten und beträchtlichsten. Er reihte sich den Männern der Wissenschaft würdig an, indem 5 SLONIMSKI. s 15. Mai 1904.) Bernfeld. er neues Material und neues Schaffen mitbrachte. Sionimski suchte sich ein Fach aus, das durch unzählige Fäden mit der Wissenschaft des Judentums verbunden war, und doch war es bis dahin noch nicht mit jener wissenschaftlichen Gründlichkeit bearbeitet worden, die von der damaligen kritischen Schule als erste Bedingung gefordert wurde. Die Wissenschaft des Judentums, von Krochmal, Rapaport und Zunz begründet, hatte sich die Erforschung des jüdischen Altertums und des jüdischen Mittelalters zur Aufgabe gestellt. Und doch waren die Arbeiten dieser Männer keineswegs rein archäologische, vielmehr